Insel Usedom und Festland: Zempin – Koserow – Bansin – Katschow – Dargen – Stolpe – Karnin – Lentschow – Lassan – Wolgast – Trassenheide – Zinnowitz – Zempin (102 km, Route bei GPSies.com)

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Stubbenfelde: Blick auf die Ostsee in Richtung Osten, die Kräne gehören zum Swinemünder Hafen.

Es ist inzwischen schon wieder vier Jahre her, also wird es höchste Zeit: Eine Runde ums Achterwasser mit dem Rad! Mein Plan: Runter von der Insel Usedom, aber diesmal nicht entlang der Bundesstraße durch die Stadt Usedom, sondern “außenrum” über die Dörfer. Danach (gern weiter entlang des Achterwassers) gen Nordwest nach Wolgast, wo ich dann vom Festland zurück auf die Insel wechseln will.
Es beginnt auf bekannten Pfaden und recht unspektakulär, als ich entlang der Ostseeküste in Richtung Bansin starte. Dabei warten am Streckelsberg (Koserow) und dem Langen Berg (Bansin) einige Steigungen, unter anderem zwei knackige Sechzehnprozenter. Hat man die hinter sich, ist man aber zumindest schonmal warm.

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Bei Kachlin: Staubige, teilweise tiefsandige Feldwege.

In Bansin verlasse ich die Ostsee und biege nach Südwesten ab. Meinem Plan folgend, die großen Straßen möglichst zu meiden, durchfahre ich Mini-Ortschaften wie Reetzow, Labömitz und Katschow. Hier macht sich das erste Mal bemerkbar, was im späteren Tourenverlauf noch zu einem echten Problem werden soll: Die Straßen sind oft in miserablem Zustand. Innerorts wird man von grobem, wie soll ichs nennen, “Feldstein-Pflaster”?, durchgerüttelt. Außerorts sind die Straßen bisweilen asphaltiert, dann oft aber zigmal geflickt und damit auch recht rumpelig. Oder es gibt gar keine richtige Straße, sondern nur Feldwege – die aber durch die lange Trockenheit der letzten Monate über weite Strecken tüchtig staubig sind und immer wieder von tiefsandigen Passagen unterbrochen werden. Als wäre das alles nicht schon genug, kommt noch ein weiteres Handicap dazu: Von Südwest weht eine ordentliche – bisweilen böige – Brise, ich fahre also die ganze Zeit gegen einen ziemlich unangenehmen Gegenwind an.

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Vom Regen in die Traufe kurz vor Welzin: Abbiegen von einem sandigen Feldweg - auf einen rumpeligen.

Von Dargen an radle ich dann stets entlang des Stettiner Haffs. Ich genieße die Einsamkeit und Ruhe hier, es sind kaum Autos oder andere Radfahrer unterwegs. Ein großartiger Kontrast zum notorisch überfüllten Küstenstreifen entlang der Seebäder! Entsprechend ist hier im Hinterland auch deutlich mehr von der Natur zu sehen. Vor allem, weil ich nach Stolpe nicht auf der Straße bleibe, sondern auf den Haff-Deich abbiege. Leider ist der Weg hier aber auch wieder recht sandig und rumpelig, und so langsam frage ich mich, wieviel ungeplante Extra-Zeit mich das wohl in Summe kosten wird.

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Ostklüne: Die Fähre über die Kehle ist … ein Ruderboot! :)
(Mit freundlicher Genehmigung des Abgebildeten)

In Ostklüne wird es dann amüsant. Hier muss ich die Kehle queren, die den Usedomer See, ein Relikt der Eiszeit, mit dem Haff verbindet. In meiner Radweg-Karte ist hier eine Fährverbindung eingetragen. Leider sehe ich keine Fähre, nur ein paar kleine Boote. Also muss ich doch nochmal zurück, einmal um den Usedomer See und doch auf der ollen Bundesstraße weiterfahren? Da kommt ein Mann aus dem Haus und fragt mich freundlich, ob ich “rüber will”. Es ist tatsächlich der Fährmann, und seine Fähre ist … ein Ruderboot! :)
Wir müssen noch ein paar Minuten warten, denn der Wind drückt gerade Wellen aus dem Haff in die Kehle. Also halten wir noch einen kleinen Schnack, bevor es dann losgehen kann. Wir räumen das Fahrrad ins Boot und setzen über. Eine solch besondere Fährfahrt habe ich noch nie erlebt und muss noch Kilometer später darüber schmunzeln.

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Karnin: Eisenbahn-Hubbrücke.

In Karnin schaue ich mir dann die Reste der berühmten, im Krieg zerstörten Hubbrücke an. Über die führte einst zweigleisig eine Fernbahntrasse, auf der die Berliner in zweieinhalb Stunden auf die Insel Usedom kamen. Das Hubteil der Brücke steht noch und wäre, glaubt man dem Aktionsbündnis Karniner Brücke, für einen Wiederaufbau der Brücke bestens geeignet. Dann gäbe es nach etlichen Jahrzehnten endlich auch wieder eine Fernbahnverbindung auf die Insel Usedom, die den dort (vor allem zur Hauptsaison) herrschenden Verkehrskollaps mildern könnte. Per Eisenbahn ist Usedom bisher nur über Wolgast erreichbar – allerdings auch erst seit Ende der Neunziger, und nur mit den “kleinen” Triebwagenzügen der regional tätigen Usedomer Bäderbahn.
Für die Wiederinbetriebnahme der Karniner Trasse kämpfen die hiesigen Eisenbahnfreunde nun schon seit der Wende, mal sehen, ob diese Geduld sich am Ende auszahlt. So oder so bleibt die Karniner Hubbrücke bis dahin ein spannendes technisches Denkmal.

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Bei Johannishof: Seeadler im Horst.

Über Zecherin verlasse ich dann schließlich die Insel Usedom. Der Wind hat inzwischen von Südwest auf West gedreht, was das Fahren entlang der B 110 sehr anstrengend macht. Ich gönne mir eine kleine Pause, denn auf einem der toten Bäume im renaturierten (und deshalb gefluteten) Bereich neben der Bundesstraße wartet ein imposanter Seeadler-Jüngling im Horst darauf, dass seine Alten mit frischem Futter zurückkehren. Die Adler sind hier an der Ostsee gar nicht so selten, wie man meint; der Fährmann in Ostklüne hatte mir erzählt, dass er in seiner Umgebung drei Horste kenne und die stolzen Greifen regelmäßig sähe.
In Johannishof verlasse ich den Radweg längs der B 110 dann wieder und biege in den Wald ab. Direkt vor mir flüchten zwei Rehe ins Unterholz, und ein großer Greifvogel – ich kann leider nicht sagen, welcher Art – hebt mit kräftigen Flügelschlägen vor mir ab. Da ist sie wieder, die Ruhe und Naturnähe des Usedomer Hinterlandes, die man an der Küste schlicht nicht findet.

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Kurz vor Hohendorf: Wolgast in Sichtweite! Und ganz nebenbei: Fischreiher halbrechts auf der Wiese.

Über Pinnow und Lentschow erreiche ich Lassan, dessen schnuckeligen Hafen ich 2014 für eine Pause ansteuerte. Diesmal aber lasse ich ihn links (genauer gesagt rechts) liegen: Pflasterstraßen, Sandwege und der unablässige Gegenwind haben ihre Spuren hinterlassen, so langsam vergeht mir schlicht die Radel-Lust. Der Wind kommt immer noch steif von West, und da ich nun wieder in nordwestlicher Richtung unterwegs bin, habe ich wieder einmal gegen ihn anzukämpfen. Wie das nach inzwischen 70 gefahrenen Kilometern schlaucht! Aber dann kommt der finale Motivationsschub: Wolgast und seine Werftanlagen tauchen auf, gekrönt vom Turm der St.-Petri-Kirche. Fast geschafft also, und von Wolgast an werde ich den Wind im Rücken haben. Und noch eine positive Überraschung taucht auf: Der Weg zwischen Hohendorf und Wolgast, vor vier Jahren noch eine eklige Tiefsandpiste entlang der Bahntrasse, wurde asphaltiert und darf sich nun zu Recht “Radweg” nennen. Viel schneller als gedacht komme ich also in Wolgast an, wo ich auf der imposanten Klappbrücke die Peene quere und mich nun wieder auf der Insel Usedom befinde. Hier muss ich an der Tankstelle am Wolgaster Ortsausgang, wo ich noch eine letzte Pause einlege, etwas Trauriges erfahren: Die Tankstellenkatze Stummel, die ich auf meiner Tour vor vier Jahren im Verkaufsraum schlummern sah, lebt leider nicht mehr. Die Verkäuferin in der Tankstelle hatte Pipi in den Augen, als sie es mir erzählte…

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Küstenradweg zwischen Zinnowitz und Zempin: Meter machen!

Noch ein wenig traurig starte ich zur letzte Etappe. In nordwestlicher Richtung – endlich Rückenwind! – jage über über Mölschow nach Trassenheide. Von hier an gehts entlang der Ostseeküste ins Seebad Zinnowitz. Das muss aus Sicht eines Fahrradfahrers leider als Katastrophe bezeichnet werden. Der Radverkehr muss sich immer und überall den Fußgängern (ergo Badeurlaubern) und dem Autoverkehr (an-/abreisenden Badeurlaubern) unterordnen. Radwege und Fahrradrouten-Beschilderung sind abseits des Ostseeküstenradwegs faktisch nicht vorhanden. Und selbst dieser Radfernweg – immerhin Teil der 8000 km langen Fernradroute EuroVelo 10 rund um die Ostsee – wird kurzerhand mit einem lapidaren “Radfahrer bitte absteigen” und unnötig eng gestellten Drängelgittern unterbrochen, weil der Platz gerade für einen Veranstaltungs-Pavillon benötigt wird. Schnauze, blöder Fahrradfahrer. Schieb halt. Man stelle sich mal vor, so würde man mit den Autofahrern auf der parallel verlaufenden Bundesstraße umgehen.
Wirtschaftlich ist das alles vermutlich nachzuvollziehen – mit dem Auto anreisende und durch den Ort flanierende Urlauber lassen in Größenordnungen Geld da, auf einem Fernradweg durchreisende Fahrradfahrer nicht. Frustrierend ists trotzdem. Und eine Alternativroute zwischen westlichem und östlichem Teil der Insel Usedom gibt es einfach nicht. (Abgesehen von der Bundesstraße, aber die ist für Radfahrer wirklich indiskutabel.)
Liebe Zinnowitzer, wenn ihr partout keine Fahrradfahrer im Ort haben wollt, dann baut doch bitte einfach einen Umgehungs-Radweg außenrum.


Ich für meinen Teil hetze dann noch durch den Wald zurück ins Quartier nach Zempin, wo ich bei einem kühlen Bier erst einmal meine Beine etwas zur Ruhe kommen lasse und das Erlebte sortiere. Ich sage es schon lange und bleibe dabei: Das wahre Usedom sieht man nicht an der Küste, denn die ist touristisch pervertiert. Nein, ins Hinterland muss man reisen, wenn man mehr erleben will als Badestrand und Promenaden-Poser. Meine diesmal gefahrene Route kann ich dafür (speziell mit ungefedertem Velo) aber nur sehr bedingt empfehlen, denn die Straßen und Wege sind in teils bedauernswertem Zustand. Andererseits erlebt man großartige Landschaften, Tiere und Begebenheiten, die einem auf den “guten” Wegen wohl entgehen würden.
Und: Diese Route niemals bei Westwind in Angriff nehmen! Von den hundert Kilometern bin ich geschätzt vierzig gegen den Wind gefahren – das raubt einem irgendwann nicht nur den Nerv, sondern auch den Blick für all das Schöne links und rechts des Weges.

Darß: Im Uhrzeigersinn um Bodstedter und Saaler Bodden.
Zingst - Pruchten - Bodstedt - Saal - Damgarten - Ribnitz - Dierhagen Dorf - Wustrow - Ahrenshoop - Born - Wieck - Prerow - Zingst (91,2km, Route bei GPSies.com)

 

Und es begab sich zu einer Zeit, dass der Wettermann sprach: Ich schenke euch einen ganzen Tag voll Sonne, nutzet ihn zu eurer Gunst. Und die Menschen verstanden; und der, den sie schickten, der hatte ein blaues Fahrrad, und unten am Kopfe trug er einen stattlichen Bart.

So steht es schon in den alten Schriften! Naja, oder so ähnlich. Jedenfalls hatte der Wetterbericht tolles Wetter versprochen, und da ich sowieso am liebsten den ganzen Tag auf dem Fahrrad herumlümmele, gehe ich mein lang ersehntes Urlaubsfinale an: Einmal aufs Festland, den Barther und den Saalstedter Bodden umrunden und über Fischland wieder zurück auf den Darß. Vom Himmel prasselt die Sonne, dass es nur so eine Freude ist, nur der Wind geht recht ordentlich von Westen. Ich verlasse den Darß auf inzwischen wohlbekannten Pfaden über die Meiningenbrücke und biege in Pruchten nach Westen ab. Hier beginnt unbekanntes Terrain, aber ich bin frohen Mutes dank meines GPS-Helferleins am Lenker und der Fahrradkarte im Gepäck.

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Schön ists im Wald bei Neuendorf.

Ich bin nun auf dem Radwanderweg “Östliche Backstein-Route” (ÖBR) unterwegs, bekomme aber den Tipp von einem einheimischen Radler: Fahr lieber durch den Wald nach Neuendorf, das ist die schönere Strecke. Ich folge seinem Rat, und es lohnt sich. Still ists im Wald, angenehm schattig und wirklich schön zu radeln. Dann folge ich wieder der ÖBR und komme nach Saal, wo mich ein kleines Brückenstück neugierig macht. Die alten Schwellen auf der dahinrostenden Konstruktion deuten auf eine Eisenbahnstrecke hin, die hier wohl mal entlangführte; für Regelspur sind sie aber zu schmal. Ein paarhundert Meter weiter, auf einem Radweg, der verdammt nach einer alten Bahntrasse aussieht, treffe ich dann einen Ortsansässigen, den ich freundlich frage. Er erzählt mir mit leuchtenden Augen von den Zeiten, als hier noch die Eisenbahn die Rüben nach Barth brachte (und abends die Bauern aus der Kneipe nachhause). Der Radweg liegt tatsächlich auf der alten Trasse der Franzburger Kreisbahnen, die meterspurig von Damgarten über Saal nach Barth führte. In den Sechzigern sei die Strecke dann aber stillgelegt worden, erzählt er mir, und aus dem Saaler Bahnhof ist das Gemeindehaus mit Kindergarten geworden ‒ unter anderem durch seiner Hände Arbeit. Ein Stück weiter steht in Kückenshagen an der Molkerei noch ein altes marodes Bahngebäude, gibt er mir noch mit auf den Weg. Und tatsächlich, nach Jahrzehnten ist immer noch zu sehen, dass hier weiland eine Bahn entlangzuckelte.

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Im Hafen Ribnitz

Über Damgarten erreiche ich dann Ribnitz (was, wie ich lernte, übrigens nicht “Riebnitz”, sondern “Ribbnitz” gesprochen wird) und mache am Hafen eine kurze Mittagsrast. Am Ribnitzer See entlang geht es dann weiter in Richtung Dändorf. Immer wieder schmunzele ich über die kreativen Radwegweiser: Einfach die Ortsnamen und Entfernungsangaben auf einen großen Findling pinseln, auch sowas schmückt eine Radroute! Offenbar hatten die Urheber dabei mächtig Spaß, denn neben den eigentlichen Wegweisern findet man dann auch Kuriositäten wie die extra beschilderte “Opi-Wolter-Kurve”: “Zu Ehren von Opi Wolter, der hier die Kurve nicht bekam”. Ein amüsierendes Gedankenspiel, wie es wohl dazu gekommen sein mag…
Ich habe inzwischen die Östliche Backsteinroute verlassen und befinde mich auf dem Fischland-Darß-Zingst-Rundweg. Immer am Bodden entlang, erreiche ich über Dändorf Dierhagen. Dort gönne ich mir am Hafen ein herzhaftes Fischbrötchen und fülle die Zuckerspeicher mit Cola neu auf.

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Pause in Dierhagen: Fischbrötchen am Hafen

In Dierhagen komme ich nun wieder an die Ostsee und biege auf den Ostseeküsten-Radweg ein. Bisher hatte ich oft und viel Gegenwind, das ändert sich nun ‒ ich komme verdammt flott voran. Ich jage über Wustrow bis Ahrenshoop, wo ich die Ostsee wieder verlasse und am Saaler Bodden entlang fahre. Ach was, fahre: Rase! Der Wind bläst kräftig von Westen, und nun bin ich exakt in seiner Richtung unterwegs. Trotz mehr als 65 bereits gefahrener Kilometer habe ich keine Probleme, stets knapp an der Dreißig zu kratzen. Sehr zum Unmut der mir entgegenkommenden, sich gegen den Wind stemmenden Pedalisten…
Ich flitze durch Born und Wieck, vorbei an schicken kleinen Reetdach-Häuschen mit den so typischen bunten Darßer Türen. Unterwegs sehe ich in der Ferne die Meiningenbrücke, Luftlinie vielleicht nur drei Kilometer entfernt. Allerdings liegen Bodstedter Bodden und Prerow-Strom dazwischen, die ich noch umrunden muss, also habe ich noch einige Zusatzkilometer vor mir. Dabei wird es dann auch nochmal ordentlich anstrengend, denn ein, zwei Kilometer muss ich nochmal gegen den Wind fahren. Wie das nach der langen Strecke schlaucht! Irgendwann habe ich Prerow dann aber erreicht und kann von nun an wieder mit vollem Rückenwind auf dem Ostsee-Deich ostwärts nach Zingst jagen, wo meine Runde begann und nun wieder endet.

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Sieht näher aus, als sie ist: Die Meiningenbrücke.

Auf die mehr als neunzig gefahrenen Kilometer schaue ich mit größter Freude zurück: Die Boddenrunde hat immer wieder Abwechslung zu bieten, sie führt über Felder, durch Wälder, mal an der Ostsee entlang, mal am Bodden. Auch und vor allem abseits der Küstenlinie gibt es so viele Orte, Landschaften und Kleinode zu entdecken, dass ein flotter Tagesritt auf dem Fahrrad längst nicht ausreicht, um alles gesehen zu haben. Die Radweg-Ausschilderung ist vielleicht nicht perfekt, aber meist ausreichend und bisweilen sehr hübsch und kreativ umgesetzt. Und auch wenn doch mal an entscheidender Stelle ein Schild fehlt, kommt man mit ein wenig Intuition und grobem Richtungsverständnis stets weiter. Ich kann Ostsee-Urlaubern nur wärmstens empfehlen, den touristisch vollkommen überlaufenen Küstenstreifen zu verlassen und das vorpommersche Hinterland zu entdecken. Es lohnt sich!

Darß: Zingst - Bresewitz - Barth - Bresewitz - Zingst (31,3km, Route bei GPSies.com)

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Der Radweg auf der Darßbahn-Trasse: Nicht viel breiter als das Gleis, das vorher hier lag

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs führte eine Eisenbahnstrecke von Barth über Zingst nach Prerow: Die Darßbahn. Von ihr ist noch so einiges zu sehen: Der Bahndamm und einige Brücken stehen noch, und wo noch nicht der Radweg auf den Bahndamm gebaut wurde, liegen auch noch die Gleise. Schon lange wird darüber nachgedacht, diese Strecke zu reaktivieren. Nicht nur von Eisenbahn-Enthusiasten, sondern offenbar auch von der Usedomer Bäderbahn (UBB), der die Strecke (oder das, was davon noch da ist) gehört. Der Radweg von Zingst hinüber aufs Festland nach Barth führt die ganze Zeit parallel zur Darßbahn-Trasse, da gibt es natürlich viel zu entdecken. Genau das wollte ich auf dieser Tour nach Barth tun.
Fährt man auf dem alten Bahndamm aus Zingst heraus, fällt auf, wie schmal der Radweg ist ‒ mit den gleichen Folgen wie am Radweg auf dem Ostsee-Deich: Bei Gegenverkehr, insbesondere mehrspurigem, kann es ganz schön eng werden. Zusätzlich stehen aus dem an sich sehr guten Asphalt immer wieder recht steile Wurzelaufbrüche heraus, die man im Schattenspiel des Laubwerks nur selten früh genug sieht. Man muss also stets sehr konzentriert sein, was das Radfahren an dieser Stelle ziemlich unentspannt macht. Das passt nicht so ganz dazu, dass auch diese Strecke ein Teilabschnitt des touristisch vermutlich nicht ganz unbedeutenden Ostsee-Küstenradwegs ist. Auch sonst ists schade, denn an sich ist man an dieser Stelle mitten in der Natur unterwegs und durch einen schmalen Waldstreifen und ein Feld akustisch auch gut von der parallel verlaufenden Straße abgeschirmt.

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Gefahrenstelle: Querung der L21.

Die Querung der L21 kurz vor der Meiningenbrücke kann dann getrost als Gefahrenstelle bezeichnet werden. Hier muss man den flott dahinbrausenden Autoverkehr gut beobachten, um “die Lücke” zu finden. Da sämtlicher Verkehr zwischen Barth und Prerow hier durch muss, ist das vor allem an An- und Abreisetagen der Touristen keine Freude.
Dann erreichte ich die Meiningen-Brücke. Über diese schmale Drehbrücke gelangten früher Autos und Eisenbahn auf den Darß ‒ ein echtes Nadelöhr. Die Eisenbahn fährt schon lange nicht mehr, und dem restlichen Verkehr hat man parallel eine Ersatzbrücke gebaut. An deren Ende sah ich Interessantes: Auf dem dort wieder beginnenden Gleis der Darßbahn in Richtung Bresewitz stand ein Schienen-Unimog, und die Presse war auch vor Ort. Ein wenig abseits stand ein Auto der UBB, in dem zwei Arbeiter saßen und offenbar warteten. Ich kam mit Ihnen ins Gespräch und wollte wissen, ob denn eine Reaktivierung der Darßbahn geplant sei ‒ oder was denn der Unimog da auf dem Gleis mache? Sie erzählten mir, dass aktuell vor allem der Bahndamm und die verbliebenen Gleisanlagen gepflegt würden. Über eine Wiederaufnahme des Verkehrs würden höhere Instanzen diskutieren ‒ wie immer sei alles eine Frage des Geldes. Die UBB wollen die Strecke gern wieder in Betrieb nehmen, auch die Gemeinden und deren Tourismusbetriebe würden sich darüber sicher freuen. Auf Usedom sieht man ja die positiven Effekte regelmäßigen Bahnverkehrs. Allerdings kann die “kleine” UBB die nötigen Millionen nicht mal eben selbst auf den Tisch legen, da wird noch viel Arbeit bei Bund, Land, EU und der Deutschen Bahn (als UBB-Muttergesellschaft) zu leisten sein.

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Der Bodden links und rechts der Meiningen-Brücke gehört noch zum Nationalpark.

Was ich nicht wusste: An diesem Tag war der Infrastruktur-Chef der DB vor Ort, um die Möglichkeiten für den Wiederaufbau der Darßbahn auszuloten. Deswegen die Presse! Aber da an diesem Tag nur nichtssagende Aussagen à la “wir haben die Bereitschaft, alles mögliche zu denken” (Profalla laut OZ-Artikel) herauskamen, wird der UBB-Techniker wohl recht haben: Bis das nötige Geld zusammen ist, die Planungen abgeschlossen sind und die Bauarbeiten beginnen, wird es wohl tatsächlich noch eine Dekade dauern.
Ich für meinen Teil fuhr weiter, immer entlang der Trasse in Richtung Barth. Auch hier ist der Radweg zu schmal ‒ vielleicht sind das nicht umstandsbedingte Einzelfälle, sondern eine generelle Planungsschwäche der beteiligten Behörden?

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Nicht (mehr) viel los am Bresewitzer Bahnhof

Nachdem ich in Barth einige Besorgungen und am Hafen Mittag gemacht hatte, fuhr ich auf gleichem Weg wieder zurück. Unterwegs schaute ich mir endlich einmal das alte Bahnhofsgelände in Bresewitz an, an dem ich bisher immer nur vorbeigefahren war. Hier soll sich laut Karte das Darßbahn-Museum befinden; auf den Gleisen stehen einige alte Waggons. Leider erfuhr ich nicht wie erhofft mehr Details zur Darßbahn ‒ sondern nur, dass es das Darßbahn-Museum gar nicht mehr gäbe. Ein Ortsansässiger erzählte mir, dass es auf dem Bahnhofsgelände vor einigen Jahren tatsächlich noch viele Aktivitäten des Museumsvereins gab, eine Ausstellung zur Geschichte der Bahn und viel Musik und Kultur. Aber so nach und nach schwand das Engagement der Mitglieder, es mangelte an Nachwuchs … und so finden aktuell nur noch ein paar wenige Konzerte pro Jahr auf dem Bahnhofsgelände statt. Das Bahn-Museum selbst und die angeschlossene Kunstgalerie gibt es nicht mehr. Schade, da hätte man sicher noch ein paar spannende Geschichten erfahren können.
Wer weiß, in zehn Jahren hat die UBB die Trasse bis Prerow ja vielleicht wiederbelebt ‒ dabei blieben dann bestimmt auch ein paar Mittel für ein schickes kleines Darßbahn-Museum übrig. Aus touristischer Sicht wäre das zu begrüßen, ich finde, da liegt gerade ein gutes Potential brach.

Darß: Zingst - Prerow - Leuchtturm Darßer Ort - Prerow - Zingst (32,0km, Route bei GPSies.com)

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Der Radweg auf dem Deich: Viel los, leider recht laut und zu schmal.

Petrus lässt keinen Zweifel aufkommen: Heute gehts aufs Rad! Nachdem ich ein paar Tage zuvor bereits das Ostende des Darß bereist hatte, soll es nun nach Westen gehen: Mein Ziel ist der Leuchtturm Darßer Ort; auf dem Weg dahin liegt Prerow. Die einzige Verbindung für Fahrradfahrer zwischen Zingst und Prerow ist der Radweg auf dem Ostsee-Deich. Der beherbergt auf diesem Streckenabschnitt auch den Fischland-Darß-Zingst-Rundweg und den Ostseeküsten-Radweg, letzterer eine Fernradwanderroute mit allein 660 Kilometern Länge nur in Mecklenburg-Vorpommern. Dieser Bedeutung wird der Radweg baulich leider nicht gerecht, er ist schlicht zu schmal. Und so ist es auf Dauer recht anstrengend, immer hochkonzentriert mit den anderen Radlern zu interagieren ‒ erfahrene Langstreckentourer, Familien mit radelnden Kids, aber auch Urlauber, die auf ihren mit allerlei Strandutensilien beladenen Leihrädern zum nächsten Dünenübergang schlingern. Dazu kommen noch die Fußgänger, die den Radweg queren müssen, um zum Strand zu gelangen. Zu allem Überfluss verläuft direkt neben dem Deich die Straße, sodass es auch relativ laut ist. Vermutlich radelt es sich hier in der Nebensaison bedeutend entspannter.
In Prerow selbst ist dann natürlich auch viel los, auch hier ist noch einmal einiges an Konzentration nötig. Aber schließlich bin ich im Urlaub, also schalte ich einen Gang runter und ertrage das Geknubbel stoisch. Gelassen läufts!

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Im Darßer Urwald bei Prerow

Westlich von Prerow geht es dann in den Darßer Urwald. Große Schilder weisen darauf hin, dass man nun wieder im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ist und sich entsprechend verhalten sollte. Die Wege sind nach dem Regen der letzten Wochen hier und da ein wenig aufgeweicht, aber meist gut zu fahren. Es ist still, die Luft riecht wunderbar nach Wald, und die Bäume zaubern Schattenspiele auf den Boden. Die Radroute verläuft auf einem Parallelweg zum ausgeschilderten (Fuß-) Wanderweg. Ein schlauer Kniff ‒ damit kommen sich Radler und Wanderer nicht in die Quere, was die Reise noch entspannter macht.
Die letzten anderthalb Kilometer zum Leuchttum Darßer Ort teilen sich Fahrradfahrer und Wanderer dann wieder einen Weg ‒ der dummerweise aus rumpeligen Betonplatten besteht. Das ist nicht sonderlich angenehm, aber irgendwann auch wieder vorbei. Dann hat man nämlich den Fahrradparkplatz am Fuß dem Leuchtturms erreicht. Von hier aus ist der Strand zu Fuß zu erreichen, oder man erklimmt den Leuchtturm oder besucht das Natureum.
Interessanter Fakt: Die Ostsee knabbert permanent an der Westküste des Darß. Wo heute noch der Leuchtturm steht, wird in 50 Jahren schon das Wasser branden. Die abgetragenen Sandmassen verteilt die Strömung dann in östlicher Richtung ‒ der Darß “wandert” also nach Osten.

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Panorama-Ansicht: Leuchtturm Darßer Ort.

 
Leider bin ich ‒ mitten in der Hauptsaison! ‒ natürlich nicht der einzige, der hierher unterwegs ist. Der Fahrradparkplatz ist groß, aber komplett voll, und sowohl am Turm als auch am Strand sind überall Leute unterwegs. Auch hier ist es in der Nebensaison sicher bedeutend entspannter.

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Darßer Ort: Völlig überlaufen :(

Nach kurzer Rast nehme ich den Rückweg unter die Räder und variiere die Route durch den Darßer Urwald ein wenig: Statt nach Süden der ausgeschilderten Radroute zu folgen, biege ich nach Norden ab und passiere parallel zur Küstenlinie die nicht enden wollenden Prerower Zelt- und zugehörigen Parkplätze. Wahnsinn, welche Menschenmassen hier Jahr für Jahr den Urlaub verbringen. Immerhin lässt es sich auf der Straße recht entspannt fahren, vielleicht sitzen die alle grad beim Mittag.
Der Rest des Rückwegs ist dann nichts Neues mehr: Geknubbel in Prerow, zu schmaler Radweg bis Zingst. Bei leckerem Softeis (an der vermutlich am chaotischsten geführten Imbissbude von ganz Mecklenburg-Vorpommern) lasse ich die Tour Revue passieren. Schön hier auf dem Darß!

Darß: Zingst - Pruchten - Barth - Fuchsberg - Barth - Pruchten - Zingst (38,2km, Route bei GPSies.com)

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Blick zurück nach Barth. Ab hier wirds mückig.

Kurz nach sieben abends fällt mir auf, dass ich immer noch keine Strandmuschel habe. Und morgen soll tolles Strandwetter werden! Also schnell in die Radklamotten und ab nach Barth ‒ hatte der Laden, der die Strandmuscheln draußen in der Grabbelkiste stehen hatte, nicht auch am Sonntag bis acht abends geöffnet? Bis dort sind es laut meiner Fahrradkarte geschätzte 15 Kilometer, das sollte in einer Dreiviertelstunde zu schaffen sein. Also los!
Mit dem Ziel, es nur ja bis um acht nach Barth zu schaffe, jage ich los und ignoriere die landschaftlichen Schönheiten links und rechts des Wegs. Leichter Gegenwind und der Mangel an Trainingskilometern machen die Hatz ziemlich anstrengend, und so bin ich froh, als ich eine Minute vor acht (!) auf den Parkplatz des Ladens einbiege. Im Kopf lege ich mir einen freundlichen Satz zurecht, um die Kassiererin, die ihren Feierabend sicher schon herbeisehnt, milde zu stimmen. Und dann: Alles geschlossen. Ja, die haben auch sonntags auf ‒ aber eben nur bis um sieben. Mëh.

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Nicht nur an der Küste ists schön, sondern auch im Hinterland.

Okay, dann kann nun der touristische Teil der Fahrt beginnen. Laut Karte ragt eine Landzunge in den Barther Bodden hinein, dort als “Hinterste Berge” bezeichnet. Der Radwegweiser beschildert den Abzweig mit “Wandergebiet Fuchsberg”. Wie auch immer, das sieht nach einem kleinen Abenteuer und viel, viel Natur aus. Los gehts! Der Weg ist etwas rumpelig und für eine Familientour nicht zu empfehlen. Dafür ist es sehr ruhig, und ein Blick zurück zeigt Barth mit seiner Marienkirche im abendlichen Licht am Ufer des Boddens. Nur kann ich leider nicht allzu lange anhalten, hier befinde ich mich mitten im Mückenparadies. Die sind überall ‒ und was das für Riesenviecher sind! Die warme Feuchtigkeit der letzten Wochen hat die Mücken dieses Jahr zur echten Plage werden lassen. Was am Ostseestrand mit einer kleinen Brise kein Problem darstellt, ist hier, feuchte Wiesen auf der einen, das Schilfufer des Boddens auf der anderen Seite des Wegs, einfach nicht auszuhalten. Also halte ich mich nicht lange mit Fotografieren auf, sondern fahre weiter in Richtung des vor mir liegenden Waldes. An dessen Rand stehen einige hohe hölzerne Aussichtstürme, von denen man weit über den Bodden und seine Ufer sehen kann. Überall hört und sieht man allerlei Wasservögel, das ist sicher ein Paradies für (mückenresistente) Ornithologen. Ich selbst folge weiter dem Weg, der an der Spitze der Landzunge nicht mehr als eine kleine schlammige Schneise durch Wald und Schilf ist. Auf der Karte ist dieses Wegstück als “mäßige Oberfläche (feste und etwas unebene Wege)” ausgezeichnet ‒ eine glatte Lüge.

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Spätabends an der Meiningenbrücke

Der sich anschließende, noch recht intakte Plattenweg bringt mich ‒ vorbei an der Gedenkstätte für das Strafgefangenenlager “Stalag Luft I” ‒ wieder zurück nach Barth. Von dort aus führt der Radweg (hier übrigens als Abschnitt des Ostseeküstenradwegs) an der Trasse der ehemaligen Bahnstrecke Barth-Zingst-Prerow entlang. Über die Meiningenbrücke geht es hinüber auf den Zingst, wo mich noch einmal Wolken von Mücken erwarten. Ich ziehe mir das Tuch über Mund und Nase und sehe zu, dass ich flott mein Ferienquartier erreiche.
Obwohl ich keine Strandmuschel bekommen konnte, war das eine wirklich lohnende Tour mir durchaus abenteuerlichen Abschnitten. Einiges am Wegesrand bleibt noch auf meinem Zettel für spätere Touren, zum Beispiel das Darßbahn-Museum in Bresewitz.