Ostfriesland: Campen – Pewsum – Marienhafe – Eversmeer – Westerholt – Dornum – Neßmersiel – Norddeich – Greetsiel – Campen (125 km, Ø 26,6km/h, als GPX herunterladen)

“Aufs Rennrad”, rufen die Beine ungeduldig.
“Meinetwegen gern”, nickt gütig das Wetter.
“Ans Meer!”, jubelt die Seele voller Vorfreude.

Die Anreise

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Für gute Touren muss man früh raus!

Und so beginnt wieder einmal eine Fahrradtour mit einer ziemlich weiten Anfahrt in aller Herrgottsfrühe: Bereits viertel nach fünf morgens sitze ich im Auto, das Rennrad im Kofferraum. Nach Emden werden es drei Stunden Fahrt sein, ich will ja auch noch etwas vom Tag haben.

Irgendwo im Emsland gleite ich entspannt und bestens gelaunt dahin – als plötzlich eine Trümmerwolke über die Autobahn schießt. Direkt vor mir passiert ein schlimmer Unfall, der mich hart aus aller Vorfreude reißt. Ich bin zwar Erst-, aber leider nicht mehr Helfer: Für die Unfallopfer kann ich schlicht nichts mehr tun. Konzentriert und erstaunlich ruhig spule ich das restliche Programm ab: Überblick verschaffen, Notruf absetzen, Unfallstelle absichern, andere Helfer koordinieren. Aber es bleibt dabei: Helfen im eigentlichen Sinn kann ich nicht mehr.

Als sie nach anderthalb Stunden alles Nötige erledigt haben, machen mir die zahlreich angerückten Rettungskräfte freundlicherweise eine Gasse frei, und ich setze meine Fahrt gen Norden fort. Hinter mir wird die Autobahn noch bis weit in den Tag hinein voll gesperrt bleiben. Ich überlege kurz, ob ich einfach umkehren und nachhause fahren soll, aber das würde (neben der enttäuschten Vorfreude!) nichts besser machen. Lieber will ich versuchen, einen positiven Konter zu setzen.

Die Tour

Immer noch etwas nachdenklich stelle ich das Auto am Leuchtturm in Campen ab. Das auf der Anfahrt Erlebte lasse ich ganz bewusst beim Auto, nun will ich meine Radtour genießen. Mein Plan ist recht simpel: Im Binnenland nach Osten, auf Höhe Esens nach Norden abbiegen, in Bensersiel das Meer erreichen, und dann entlang der Küstenlinie westwärts zurück zum Ausgangspunkt. Da es durch meine Verspätung inzwischen aber schon zehn Uhr ist, beschließe ich, diese Runde etwas zu verkürzen: Der Tag wird lang werden, und abends muss ich ja auch wieder drei Stunden mit dem Auto nachhause fahren.

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Ostfriesland in a nutshell: Viele Kühe, viele Windräder.


Schicke kleine Gemeinden haben sie in Ostfriesland. Und doch wirkt es an manchen Stellen so, als hätte man die Häuser vor langer Zeit einmal für die Touristen aufgehübscht und seitdem nicht mehr viel daran getan. An anderen Stellen trifft sich friesische Tradition mit moderner Architektur, und so entfaltet sich ein abwechslungsreiches Potpourri für die Augen. Die Beine wiederum erfreuen sich an den meist sehr ordentlichen Radwegen und Straßen, auf denen man kilometerweit ohne Unterbrechung einfach nur fahren kann. Das ist eine wahre Wonne! Kein Vergleich zum engen Ruhrpott, wo man alle Nase lang von Ampeln, Drängelgittern und anderem Ungemach zum Anhalten gezwungen wird.

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Frischer Radweg bei Wirdum: So eben, dass es eine Wonne ist.

Meine erste Pause mache ich nach etwas mehr als 40 Kilometern am Ewigen Meer, einem Hochmoor-See bei Eversmeer. Es ist inzwischen zwölf, und ich verputze als spätes Frühstück meine unterwegs gekauften belegten Brötchen (inzwischen so etwas wie eine Tradition auf meinen Radtouren). Die Beine melden volle Einsatzbereitschaft, auch der Hintern macht keine Mucken. Ich fühle mich gut!
Kurz auf die Karte geschaut: Ja, demnächst müsste ich nach Norden abbiegen, um den grob gesteckten Zeitplan halbwegs einzuhalten. Und so fahre ich nordwärts über Westerholt nach Dornum, auf dieser Strecke ist der vom Meer hereinwehende Wind natürlich recht anstrengend. Aber er soll auf Nordost drehen, ich muss also nur noch die Küste erreichen und werde dann den Rest der Tour Rückenwind genießen können.

Zwischem Neßmersiel und Dornumersiel, nach 65 Kilometern sportlicher Fahrt, erreiche ich die Küstenlinie. Beim nächsten Deichaufgang will ich endlich das Meer begrüßen, schiebe mein Rad auf die Deichkrone hinauf – und bin hin und weg. Urplötzlich riecht es intensiv nach Meer, der Blick wird weit (weiter, als er auf dem flachen Land eh schon war), und fast zum Greifen nahe spannen sich Norderney, Baltrum und Langeoog über den Horizont. Für diesen Anblick, für diesen einen Moment bin ich heute morgen aufgestanden! Fast schon andächtig setze ich mich und lasse mir einige Zeit einfach nur die Meeresbrise um die Nase wehen. Spätestens jetzt habe ich meinen Frieden mit diesem so unglückselig begonnenen Tag wiedergefunden, für einen Wimpernschlag ist die Welt vollkommen im Gleichgewicht.

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Und dann auf einmal: Das Meer.

Aber bei aller Schwärmerei für den Moment: Ich bin ja für den Sport hier, also schwinge ich mich wieder aufs Rad und fahre, ziemlich konstant 30 auf dem Tacho, weiter in Richtung Westen. Wind von hinten, keine Ampeln, keine Kreuzungen, außer immer mal wieder ein paar Radfahrern kein Verkehr, auf ich achten müsste: Ich genieße einen regelrechten “Flow” auf dem Rad.

In Norddeich nehme ich dann etwas Gas raus und radele entspannt zum Fährterminal. Hier starten die Schiffe nach Juist und Norderney, entsprechend viele Menschen sind unterwegs. Direkt am Wasser liegt auch der Bahnhof Norddeich Mole, an dem heute wegen des Lokführer-Streiks aber keine Züge ankommen. Ich hake diesen Punkt auf meiner gedanklichen Liste “was ich auf der Tour sehen will” ab und setze meinen kleinen Temporausch auf zwei Rädern fort.

Als nächstes freue ich mich auf das Sperrwerk Leysiel, das vor Greetsiel wie eine Nase in die Nordsee ragt. Laut Karte führt ein Weg außen auf dieser Nase entlang, das möchte ich mir natürlich gern ansehen. Ein wenig enttäuscht bin ich dann, als vor Ort ebenjener Weg sehr nachdrücklich gesperrt ist – tja, dann eben nicht, fahre ich stattdessen halt mitten durch Greetsiel. Das entpuppt sich aber als recht glückliche Fügung: Auch hier sind mir zwar deutlich zu viele Menschen unterwegs, aber ich kann dennoch den charmanten Flair des friesischen Städtchens genießen. Mit Fritten und einem Matjesbrötchen mache ich am Hafen eine ausgiebige (und ziemlich verspätete) Mittagspause. Ich fühle mich pudelwohl, die Beine haben noch kräftig Körner, und trotz inzwischen 105 gefahrener Kilometer geht es meinem Hintern blendend.

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Greetsiel, ein echtes Kleinod.


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Rückenwind ist Radlers Liebling!

Nach Greetsiel schwenkt die Route noch weiter in südliche Richtung, was den Rückenwind (und damit die Freude am schnellen Radfahren) nur noch verstärkt. Ich gönne mir unterwegs noch den Spaß, einmal den (vor allem durch die Otto-Filme berühmt gewordenen) rot-gelben Pilsumer Leuchtturm aus der Nähe zu betrachten. In dem kann man sogar heiraten!

Die letzten fünfzehn Kilometer bis zu meinem Startpunkt Campen sind dann nur noch allerfeinster Sport. Die Körner in den Beinen haben immer noch kein Ende, lockerflockig halte ich den Tacho konstant über 40 und rausche an allem vorbei, was ebenfalls auf zwei Rädern unterwegs ist. Was, ist das dort hinten wirklich schon der Campener Leuchtturm? Ach schade, das hätte auch gern noch ein, zwei Stündchen so weiter gehen können!

Die Zusammenfassung

All good things come to an end, heißt es so schön, und so muss auch diese in allen Belangen großartige Runde nun wieder enden. Immer noch euphorisch lade ich mein Rad ins Auto, esse und trinke noch eine Kleinigkeit und lasse diesen außergewöhnlichen und äußerst intensiven Tag noch einmal gedanklich an mir vorüberziehen. Die Entscheidung, nach dem schlimmen Erlebnis auf der Anfahrt nicht umzukehren, war absolut richtig. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen, hatte getan, was ich konnte, und je länger ich danach auf dem Rad saß, desto klarer wurde mir das. Jeder geradelte Kilometer schuf mehr gesunden Abstand zwischen mir und der Katastrophe, die ich zuvor erlebt hatte.

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Ostfriesland in a nutshell: Um das Watt kümmern sich die Gezeiten, um den Deich die Schafe.


Was das reine Fahrradfahren angeht, hat der Tag nur Bestnoten verdient. Vermutlich war das schlicht die schönste Tour, die ich je gefahren bin. Das flache, weite Land ist wie geschaffen für Ausdauersport auf dem Rennrad, die Fahrtrichtung hatte ich anhand der Windprognosen geschickt gewählt, das Wetter spielte einen perfekte Mix aus Sonne und Wolken ab, und die Straßen und Wege auf meiner Route sind bis auf wenige Ausnahmen allerbestens auch fürs knüppelharte Rennrad geeignet.

Danke, Ostfriesland – das hat mir richtig gut getan!

Rheinradweg: Koblenz – Andernach – Linz am Rhein – Remagen – Bonn (78 km, als GPX herunterladen)

Am Ende meiner Tour auf Etappe 13 des Rheinradwegs zwischen Bonn und Düsseldorf stand für mich bereits fest: Das war zweifellos schön, aber landschaftlich noch reizvoller muss es weiter südlich, auf Etappe 12, sein! Die führt von Koblenz nach Bonn, und genau diese Strecke ist mein Plan für den heutigen Tag. Der beginnt – wie bereits im Juli – unangenehm früh, aber die Anreise mit dem Zug dauert nun einmal fast drei Stunden. Die Sommerferien-Aktion des Landes NRW und seiner Verkehrsverbünde gilt noch, also zahle ich für die Strecke bis Bad Godesberg exakt nichts. Danach geht die Reise weiter nach Rheinland-Pfalz hinein, aber auch der Preis für dieses letzte Stück ist überschaubar. Wäre ich eine Stunde später unterwegs gewesen, hätte ich mir sogar noch das Fahrrad-Ticket sparen können, denn ich lerne: In Rheinland-Pfalz ist die Fahrradmitnahme im ÖPNV ab neun Uhr grundsätzlich kostenlos.

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Ist die Anreise weit, beginnt der Tag früh.

Große Freude bereitet mir auch der Zug, in dem ich reise: Der Regionalexpress 5 ist Teil des nordrhein-westfälischen Eisenbahn-Infrastrukturprojekts “Rhein-Ruhr-Express” (RRX), zum Einsatz kommen schicke und moderne Fahrzeuge vom Typ Desiro HC. Steckdosen an den Plätzen, kostenloses WLAN, Fahrradabteile, ebenerdiger Einstieg – das ist ein sehr angenehmes Zugfahren!

Ich lasse entspannt die Landschaft an mir vorbeiziehen, schmunzele bei Köln über den ICE mit Corona-Maske und erschrecke bei Sinzig über die katastrophale Urgewalt, mit der die Ahr hier kürzlich dem Rhein entgegengestürzt sein muss. Dabei sehe ich das liegengebliebene Geröll nur für einen kurzen Moment, der Zug ist hier ziemlich schnell unterwegs; aber im Laufe meines “Rückwegs” auf dem Fahrrad soll dieser Abschnitt noch einmal eine Rolle spielen.

Schließlich steige ich in Koblenz aus dem Zug und mache mich auf den direkten Weg hinab zum Rhein. Noch ein schneller Zwischenhalt beim Bäcker, und schon sitze ich mit frisch belegten Brötchen und einem dampfenden Kaffee am Rheinufer. Kaum Menschen unterwegs, die ersten landschaftlichen Eindrücke schon vor Augen, einen großartigen Tag vor mir: Ein solch herrliches Frühstück habe ich bereits auf meiner Tour im Juli genießen dürfen.

Irgendwann will ich dann aber auch los, also schwinge ich mich aufs Rad und beginne meine Reise. Die erste Station ist natürlich das Deutsche Eck, wo unterhalb der wuchtigen Festung Ehrenbreitstein die Mosel in den Rhein mündet. Hier, am ebenfalls ziemlich wuchtigen Kaiser-Wilhelm-Denkmal, sind kurz nach neun Uhr morgens nur vereinzelt Touristen unterwegs, und so kann ich die Szenerie in Ruhe auf mich wirken lassen. Dann steige ich wieder aufs Rad und beginne meine Tour “so richtig”.

Im Vergleich zur Juli-Tour verläuft der Radweg “Eurovelo 8” in diesem Abschnitt deutlich mehr direkt am Rheinufer. Dass man über lange Strecken den Fluss nicht zu sehen bekommt (und stattdessen z.B. durch Industriegebiete geleitet wird), hatte mich auf dem Abschnitt zwischen Bonn und Düsseldorf schon ein bisschen geärgert.

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Ziemlich viel Wasser im Rhein

Kurz nach Andernach, ganz in der Nähe der Burg Namedy, komme ich mit einem älteren Paar ins Gespräch, das sich als einheimisch vorstellt und mir einen wichtigen Hinweis gibt: Der linksrheinische Radweg ist im Mündungsgebiet der Ahr nicht zu befahren (wie wohl auch sämtliche Straßen dort) – offenbar hat die Ahr-Flut Mitte Juli ein komplettes Wohngebiet faktisch weggespült. Dieses Ausmaß der Zerstörung hatte ich aus dem Zugfenster nicht in Ansätzen sehen können und bin einigermaßen erschrocken. Nein, dort will ich ganz sicher nicht den zahlreich aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten (und immer noch anreisenden!) Hilfskräften als Gaffer im Weg stehen. Ich folge also dem gut- (und ernst-!) gemeinten Rat der beiden und wechsle in Bad Breisig mit der Fähre hinüber ans andere Ufer. Dort radele ich bis Linz weiter, wo mich die dortige Fähre wieder auf meine eigentliche Route zurückbringt.

Immer wieder erfreuen mich die kleinen, an die hier noch recht steilen Hänge des Rheintals gepressten Städtchen mit ihren teilweise sehr alten Häusern, Türmen und Kirchen. Mit deutlich mehr Zeit im Gepäck lässt sich hier sicher auf den Spuren so manch spannender Geschichte und Geschichten wandeln! Auch oben auf den Hängen gibt es sicher viel zu entdecken, immer wieder sehe ich kleine Aussichtspunkte und Kapellchen hoch über dem Rhein. Ich bin leider “nur” auf der Durchreise, aber fühle mich trotzdem angenehm inspiriert, hier vielleicht auch einmal auf eine ganz andere Art Urlaub zu machen.

Es ist Mittag geworden, und ich beschließe, in Remagen eine Pause einzulegen. Doch bevor ich mich um mein leibliches Wohl kümmere, halte ich an der selbst als Ruine immer noch recht beeindruckenden ikonischen Ludendorff-Brücke, vermutlich deutlich bekannter unter dem Namen “Brücke von Remagen”. Welche dramatischen Ereignisse sich hier am Ende des Zweiten Weltkriegs abspielten, beschreibt der Wikipedia-Artikel sehr anschaulich. Noch besser wäre es natürlich, das im westlichen Brückenkopf eingerichtete Friedensmuseum zu besuchen; auch das ist ein starkes Argument für mich, den Rhein noch einmal mit deutlich mehr Zeit zu bereisen. Für heute begnüge ich mich damit, einmal auf der Brückenrampe zu stehen und den Blick über die Stadt, den Fluss und die Brückenruine schweifen zu lassen.

Die Metzgerei Faßbender in Remagen hatte die clevere Idee, unten am Radweg ein Hinweisschild aufzustellen. Das lotst mich zuverlässig in den wohlduftenden Laden, wo mir auf die Frage nach einem herzhaften Mittagsimbiss zahlreiche überaus leckere Vorschläge gemacht werden. Ich entscheide mich für eine Siedewurst mit Kartoffelsalat und lasse mir, man kann ja nie wissen, auch noch ein Steak im Brötchen einpacken. Mit diesen Leckereien rolle ich hinab zur Uferpromenade, setze mich auf eine Bank und mache eine ausgiebige und äußerst köstliche Pause. Das sind diese fast schon kontemplativen Momente, für die ich auf diese Tour aufgebrochen bin!

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Von Remagen aus sieht man bereits die Burgruine Drachenfels.

Als ich dann irgendwann satt und zufrieden wieder aufs Rad steige, stelle ich ein wenig betrübt fest, dass ich das Ziel meiner heutigen Reise ja bereits fast erreicht habe. Vor Königswinter grüßt die Burgruine Drachenfels vom anderen Rheinufer, und schon bin ich auf Bonner Stadtgebiet. Das geht mir alles zu schnell, ich bin doch brutto noch keine fünf Stunden unterwegs, denke ich. Dann schaue ich auf den Tacho, der mir einen sportlichen Schnitt von 21 km/h auf deutlich mehr als 70 Kilometer Strecke präsentiert. Tja, da habe ich mich wohl vom ständig recht ordentlich wehenden Rückenwind zu ziemlich flotter Fahrweise verführen lassen! Aber ich will nicht meckern, mein Tag war großartig: So viele neue Eindrücke, so viele interessante Anregungen, hier und da auch wirklich nette Begegnungen und Gespräche, ganz nebenbei auch richtig guter Velo-Sport – einfach eine wunderbare Tour!

Am Bonner Hauptbahnhof fährt der RE 5 gen Ruhrgebiet dann quasi exakt in dem Moment ein, in dem ich den Bahnsteig betrete. Der Zug ist zwar deutlich voller als auf der morgendlichen Hinreise, aber ich finde einen Platz für mich und mein Rad und habe dann viel Zeit, mich zu entspannen und den Tag noch einmal gedanklich Revue passieren zu lassen.

Hat mir Etappe 12 des Rheinradwegs besser gefallen als Etappe 13, die ich im Juli fuhr? Ja, in allen Belangen. Die Landschaft ist einfach deutlich interessanter, die Radroute führt quasi immer direkt am Fluss entlang, und die Städte sind einfach … schöner. In letzter Konsequenz kann das ja nur heißen, dass ich nun auch noch weiter nach Süden vorstoßen muss – wie wäre es denn als nächstes mit dem Rheinradweg-Abschnitt zwischen Mainz und Koblenz…?

Rheinradweg: Bad Godesberg – Bonn – Köln – Leverkusen – Düsseldorf (116 km, als GPX herunterladen)

Hors d’œuvre: Eine Zugfahrt, die ist günstig

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Der Tag beginnt früh.

Oh Gott, was mache ich hier eigentlich? Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und zwinge mich dazu, wenigstens eine halbe Schüssel Müsli zu essen. Aber bei aller morgendlichen Trägheit: Ich habe Großes vor, und dafür lohnt es sich allemal, früh aufzustehen!
Noch vor dem ersten Hahnenschrei sitze ich in der S-Bahn und fahre bis Duisburg. Dort wechsle ich in den RE 6 nach Koblenz, aus dem ich in Bad Godesberg aussteige. Bezahlen muss ich für all das nichts: Das Land NRW und die dort ansässigen Verkehrsverbünde erweitern den Geltungsbereich diverser Abo-Tickets für die Dauer der Sommerferien auf sämtliche Nah- und Regionalverkehrsmittel landesweit – mit meinem ollen Bochumer Monatsticket komme ich also ohne Zusatzkosten überall hin in NRW, und ich kann sogar noch mein Fahrrad mitnehmen!

Amuse-Gueule: Abstecher in die Vergangenheit

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Frühstück am Rhein

In Bad Godesberg starte ich den Tag – nach einem flotten Abstecher zur Godesburg – mit einer sentimentalen Reise in meine Jugend. Hier habe ich, das ist inzwischen schon fast zwanzig Jahre her, tatsächlich einmal gewohnt. Und so besuche ich vor meiner eigentlichen Fahrradtour noch einmal die Stätten der vergangenen Zeit und freue mich, dass ich so einiges noch wiedererkenne. Dann aber genug des Gefühlsdusels, mit belegten Brötchen und einem frisch aufgebrühten Kaffee vom Bäcker radele ich durchs Villenviertel hinunter zum Rhein. Hier ist er also, der Strom, den ich heute den ganzen Tag lang begleiten will! Entspannt frühstücke ich am Ufer und sehe den Schiffen beim Vorbeiziehen zu, bevor ich mich dann endlich aufs Rad schwinge und meine eigentliche Reise starte.

Hauptgang: Ein ganzer Tag am Fluss

Mein Plan für den Tag ist die Etappe 13 des Rhein-Radwegs. Bei radkompass.de gibt es die Strecke als GPX-Datei zum Herunterladen. Die habe ich mir auf dem Handy in die passende App eingespielt, ich werde den Weg also nicht verpassen können. Die Beschilderung ist aber auch ordentlich, und auf einem Flussradweg kann man eh nicht allzu viel falsch machen: Solange du den Fluss siehst, bist du zumindest grob auf der richtigen Route!

Es ist noch nicht übermäßig warm, als ich die Bonner Innenstadt passiere. Auch hier erkenne ich einiges wieder, und so langsam fangen Kopf und Beine an, sich voll und ganz auf die Tour einzulassen. Irgendwann verschwinden hinter mir die Bonner Silhouette und die letzten Ausläufer des Siebengebirges aus dem Sichtfeld, und ich radle entspannt auf mein nächstes Zwischenziel Köln zu. Der Radweg ist super asphaltiert, das Wetter bestens, ich fühle mich rundum wohl. Herz, was willst du mehr?

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Die schiere Größe des Kölner Doms lässt sich nur schwer im Bild festhalten.

An der Rhein-Biegung in Köln-Porz erspähe ich dann zum ersten mal das ikonische Wahrzeichen der Rheinmetropole, den Dom mit seinen zwei imposanten Türmen. Okay, wenn ich einmal hier bin, will ich mir den zumindest einmal aus der Nähe angesehen haben, statt nur daran vorbeizuradeln! Eigentlich führt die Radroute rechtsrheinisch am Deutzer Hafen über eine alte Drehbrücke und wechselt erst später auf die andere Flussseite (dort, wo dann auch der Dom steht). Die Drehbrücke wird allerdings gerade saniert, also muss man bereits vorher über die Südbrücke ans Westufer queren. Die diesbezügliche Beschilderung habe ich aber offenbar vor lauter Begeisterung über das Stadtpanorama übersehen, und so muss ich noch einen unfreiwilligen Schlenker einlegen. Wenig schön ist, dass man in den Türmen der Südbrücke nur über eine Treppe nach oben gelangt, immerhin mit einer “Schiene” für Fahrräder an der Seite. Das Rad so steil da hinaufzuschieben, ist schon mit den Gepäcktaschen wenig schön, aber wie machen das Trike-Fahrer oder Radler mit Anhängern…? Immerhin hat man von der Brücke einen großartigen Blick über den Fluss und die Stadt.

Am Westufer des Rheins verschluckt mich dann das Kölner Gewühl: Auf den Straßen dicker Verkehr, daneben vollkommen überlaufene Geh- und Radwege: Wo kommen die vielen Leute her? Je weiter ich ins Stadtzentrum komme, desto unangenehmer wird das, und als ich dann die Domplatte betrete, möchte ich eigentlich gleich wieder umkehren. Zu viele Menschen! Weil ich den Dom aber noch nie aus der Nähe gesehen habe, gehe ich dann doch noch eine Runde außen herum. Ziemlich imposant, was die alten Baumeister da erschaffen haben – bei passender Gelegenheit (und außerhalb der Touristensaison!) würde ich mir das gern noch einmal in Ruhe ansehen. Für den heutigen Tag sollte eine Umrundung des Doms aber genug sein, schnell raus aus diesem Wahnsinn. Zu viel, zu laut, zu voll, das hat wirklich nur begrenzt Spaß gemacht. Wieder unten am Rhein, verlasse ich die Stadt und genieße, dass der Trubel um mich herum mit jedem gefahrenen Meter wieder nachlässt.

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Hafen Köln-Niehl: Auch das ist der Rhein.

Dass der Rhein beileibe kein entspannter Touristenfluss ist, sondern eine Hauptwasserstraße mit unzähligen anliegenden Industrien, merke ich dann deutlich in Köln-Niehl. Hier führt die Route durch das nicht enden wollende Werksgelände von Ford. Das ist nicht, wofür ich diese Tour heute angegangen bin! Zudem gehen in der Mittagshitze meine Wasservorräte zur Neige, und ich suche schon seit einer Stunde ein halbwegs passables Plätzchen für eine ausgiebige Pause. Keine Chance im Industriegebiet, also radle ich etwas frustriert weiter.

Und dann: Leverkusen. Oder eher: Riesige Industrieanlagen am Rhein, an die die umgebenden Dörfer noch als eine gesichtlose Stadt angeflanscht wurden. Sorry, liebe Leverkusener, aber selten hat mich eine Stadt so wenig begeistert wie eure. Aber immerhin habt ihr eine berühmte, weil irreparabel marode Autobahnbrücke!

In Hitdorf sehe ich dann endlich auch wieder den Rhein. Und finde, seit Beginn meiner Suche sind etwa zwei Stunden Fahrt vergangen, im Hitdorfer Biergarten auch endlich eine adäquate Gelegenheit, Mittag zu machen. Ich habe Hunger, die Frühstücksbrötchen sind nun auch schon vier Stunden her. Nach einer zünftigen Leberkäs-Semmel und angenehmem Plausch mit anderen Gästen geht es mir bedeutend besser, und ich mache mich auf den Weg in Richtung Düsseldorf.

Käseplatte: Herzhafter Abschluss der Tour

Irgendwo hinter Monheim wechselt der Radweg-Belag plötzlich von Asphalt zu einer rumpeligen wassergebundenen Decke. Und nach inzwischen neunzig Kilometern merke ich nun sehr deutlich, dass Beine und Hintern beileibe nicht mehr in Top-Zustand sind. Noch etwa zwanzig Kilometer bis Düsseldorf, das packe ich wohl noch, aber die kühn erträumte Verlängerung der Tour bis Duisburg (das sind nochmal dreißig Kilometer obendrauf) schminke ich mir ab. Das ärgert mich aber nur kurz, denn auch so habe ich bis hierhin bereits eine großartige Tour mit vielen Eindrücken hinter mir.

Durch die Düsseldorfer Vororte arbeite ich mich immer weiter ins Stadtzentrum vor, das ist touristisch natürlich alles nix mehr wert. Aber mein Ziel, der Hauptbahnhof, liegt nunmal mitten in der Stadt! Also schlängele ich mich keck durchs Verkehrsgewusel und erreiche schließlich den Bahnhof. Meine Fresse, ist der voll Menschen! Ich sehe zu, dass ich bloß schnell zum Bahnsteig gelange, wo der RE 6 in Richtung Ruhrgebiet schon wartet. Das Hinsetzen im Zug gestaltet sich gar nicht so einfach, inzwischen tut mir der Hintern äußerst unangenehm weh. Aber die Beine freuen sich, dass sie nun nichts mehr leisten müssen, und so fahre ich fix und fertig, aber sehr zufrieden mit meinem Tagwerk, zurück nach Bochum.

Rückblick aufs gesamte Menü

Das war ein toller Tag am Rhein! Sonnenbrand, schwere Beine und ein wunder Hintern, so endet eine gute Fahrradtour! Ich bin sehr zufrieden mit der Gesamtkilometerzahl und dem erreichten 20er Schnitt. Unterwegs habe ich viel gesehen, erlebt und genossen. Allerdings gibt es immer wieder auch Abschnitte, die einfach nicht schön sind.
Was mich am meisten irritiert hat: Das ist doch ein Fernradweg, wo ist die passende Infrastruktur? Ich habe zwei Stunden (!) nach einer passenden Gelegenheit zur Mittagspause gesucht, aber nichts gefunden außer Frittenbuden in der Stadt und ziemlich sterilen Cafés, in denen man eher einen hippen Latte als ein deftiges Mittagessen bekommt. Lassen die Geschäftsleute und Gemeinden entlang des Rheins da nicht massig radeltouristisches Potential liegen…?
Landschaftlich ist natürlich der erste Teil der Tour der spannendere, gerade um Bonn herum sieht man wirklich noch, dass man sich in einem Flusstal befindet. Danach wird das alles sehr flach, und oft kann man gar nicht auf den ersten Blick sagen, wo in der weiten Ebene voller Felder denn nun tatsächlich der Rhein fließt.
Für die recht unangenehmen Teilstücke durch die Industriegebiete kann ich niemandem einen Vorwurf machen, die stehen nunmal da. Und man kommt mit einem Radweg natürlich auch nicht immer auf der Flussseite an ihnen vorbei.

Als Familientour ist meine Route nicht zu empfehlen. Wer als ambitionierter Freizeitradler aber Abwechlsung und vielleicht auch einmal die eine oder andere Herausforderung sucht, wird hier sicher fündig. Nur Höhenmeter gibts natürlich nicht nennenswert zu sammeln.

Reservierung fürs nächste Mal

Gerade die landschaftlichen Reize südlich von Bonn kitzeln mich mit Nachdruck, einmal auch das nächstsüdlichere Teilstück des Rheinradwegs unter die Räder zu nehmen. Wie wäre es denn mit Etappe 12 von Koblenz nach Bonn…?
Ich komme wieder!

Insel Usedom und Festland: Zempin – Koserow – Bansin – Katschow – Dargen – Stolpe – Karnin – Lentschow – Lassan – Wolgast – Trassenheide – Zinnowitz – Zempin (102 km, als GPX herunterladen)

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Stubbenfelde: Blick auf die Ostsee in Richtung Osten, die Kräne gehören zum Swinemünder Hafen.

Es ist inzwischen schon wieder vier Jahre her, also wird es höchste Zeit: Eine Runde ums Achterwasser mit dem Rad! Mein Plan: Runter von der Insel Usedom, aber diesmal nicht entlang der Bundesstraße durch die Stadt Usedom, sondern “außenrum” über die Dörfer. Danach (gern weiter entlang des Achterwassers) gen Nordwest nach Wolgast, wo ich dann vom Festland zurück auf die Insel wechseln will.
Es beginnt auf bekannten Pfaden und recht unspektakulär, als ich entlang der Ostseeküste in Richtung Bansin starte. Dabei warten am Streckelsberg (Koserow) und dem Langen Berg (Bansin) einige Steigungen, unter anderem zwei knackige Sechzehnprozenter. Hat man die hinter sich, ist man aber zumindest schonmal warm.

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Bei Kachlin: Staubige, teilweise tiefsandige Feldwege.

In Bansin verlasse ich die Ostsee und biege nach Südwesten ab. Meinem Plan folgend, die großen Straßen möglichst zu meiden, durchfahre ich Mini-Ortschaften wie Reetzow, Labömitz und Katschow. Hier macht sich das erste Mal bemerkbar, was im späteren Tourenverlauf noch zu einem echten Problem werden soll: Die Straßen sind oft in miserablem Zustand. Innerorts wird man von grobem, wie soll ichs nennen, “Feldstein-Pflaster”?, durchgerüttelt. Außerorts sind die Straßen bisweilen asphaltiert, dann oft aber zigmal geflickt und damit auch recht rumpelig. Oder es gibt gar keine richtige Straße, sondern nur Feldwege – die aber durch die lange Trockenheit der letzten Monate über weite Strecken tüchtig staubig sind und immer wieder von tiefsandigen Passagen unterbrochen werden. Als wäre das alles nicht schon genug, kommt noch ein weiteres Handicap dazu: Von Südwest weht eine ordentliche – bisweilen böige – Brise, ich fahre also die ganze Zeit gegen einen ziemlich unangenehmen Gegenwind an.

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Vom Regen in die Traufe kurz vor Welzin: Abbiegen von einem sandigen Feldweg - auf einen rumpeligen.

Von Dargen an radle ich dann stets entlang des Stettiner Haffs. Ich genieße die Einsamkeit und Ruhe hier, es sind kaum Autos oder andere Radfahrer unterwegs. Ein großartiger Kontrast zum notorisch überfüllten Küstenstreifen entlang der Seebäder! Entsprechend ist hier im Hinterland auch deutlich mehr von der Natur zu sehen. Vor allem, weil ich nach Stolpe nicht auf der Straße bleibe, sondern auf den Haff-Deich abbiege. Leider ist der Weg hier aber auch wieder recht sandig und rumpelig, und so langsam frage ich mich, wieviel ungeplante Extra-Zeit mich das wohl in Summe kosten wird.

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Ostklüne: Die Fähre über die Kehle ist … ein Ruderboot! :)
(Mit freundlicher Genehmigung des Abgebildeten)

In Ostklüne wird es dann amüsant. Hier muss ich die Kehle queren, die den Usedomer See, ein Relikt der Eiszeit, mit dem Haff verbindet. In meiner Radweg-Karte ist hier eine Fährverbindung eingetragen. Leider sehe ich keine Fähre, nur ein paar kleine Boote. Also muss ich doch nochmal zurück, einmal um den Usedomer See und doch auf der ollen Bundesstraße weiterfahren? Da kommt ein Mann aus dem Haus und fragt mich freundlich, ob ich “rüber will”. Es ist tatsächlich der Fährmann, und seine Fähre ist … ein Ruderboot! :)
Wir müssen noch ein paar Minuten warten, denn der Wind drückt gerade Wellen aus dem Haff in die Kehle. Also halten wir noch einen kleinen Schnack, bevor es dann losgehen kann. Wir räumen das Fahrrad ins Boot und setzen über. Eine solch besondere Fährfahrt habe ich noch nie erlebt und muss noch Kilometer später darüber schmunzeln.

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Karnin: Eisenbahn-Hubbrücke.

In Karnin schaue ich mir dann die Reste der berühmten, im Krieg zerstörten Hubbrücke an. Über die führte einst zweigleisig eine Fernbahntrasse, auf der die Berliner in zweieinhalb Stunden auf die Insel Usedom kamen. Das Hubteil der Brücke steht noch und wäre, glaubt man dem Aktionsbündnis Karniner Brücke, für einen Wiederaufbau der Brücke bestens geeignet. Dann gäbe es nach etlichen Jahrzehnten endlich auch wieder eine Fernbahnverbindung auf die Insel Usedom, die den dort (vor allem zur Hauptsaison) herrschenden Verkehrskollaps mildern könnte. Per Eisenbahn ist Usedom bisher nur über Wolgast erreichbar – allerdings auch erst seit Ende der Neunziger, und nur mit den “kleinen” Triebwagenzügen der regional tätigen Usedomer Bäderbahn.
Für die Wiederinbetriebnahme der Karniner Trasse kämpfen die hiesigen Eisenbahnfreunde nun schon seit der Wende, mal sehen, ob diese Geduld sich am Ende auszahlt. So oder so bleibt die Karniner Hubbrücke bis dahin ein spannendes technisches Denkmal.

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Bei Johannishof: Seeadler im Horst.

Über Zecherin verlasse ich dann schließlich die Insel Usedom. Der Wind hat inzwischen von Südwest auf West gedreht, was das Fahren entlang der B 110 sehr anstrengend macht. Ich gönne mir eine kleine Pause, denn auf einem der toten Bäume im renaturierten (und deshalb gefluteten) Bereich neben der Bundesstraße wartet ein imposanter Seeadler-Jüngling im Horst darauf, dass seine Alten mit frischem Futter zurückkehren. Die Adler sind hier an der Ostsee gar nicht so selten, wie man meint; der Fährmann in Ostklüne hatte mir erzählt, dass er in seiner Umgebung drei Horste kenne und die stolzen Greifen regelmäßig sähe.
In Johannishof verlasse ich den Radweg längs der B 110 dann wieder und biege in den Wald ab. Direkt vor mir flüchten zwei Rehe ins Unterholz, und ein großer Greifvogel – ich kann leider nicht sagen, welcher Art – hebt mit kräftigen Flügelschlägen vor mir ab. Da ist sie wieder, die Ruhe und Naturnähe des Usedomer Hinterlandes, die man an der Küste schlicht nicht findet.

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Kurz vor Hohendorf: Wolgast in Sichtweite! Und ganz nebenbei: Fischreiher halbrechts auf der Wiese.

Über Pinnow und Lentschow erreiche ich Lassan, dessen schnuckeligen Hafen ich 2014 für eine Pause ansteuerte. Diesmal aber lasse ich ihn links (genauer gesagt rechts) liegen: Pflasterstraßen, Sandwege und der unablässige Gegenwind haben ihre Spuren hinterlassen, so langsam vergeht mir schlicht die Radel-Lust. Der Wind kommt immer noch steif von West, und da ich nun wieder in nordwestlicher Richtung unterwegs bin, habe ich wieder einmal gegen ihn anzukämpfen. Wie das nach inzwischen 70 gefahrenen Kilometern schlaucht! Aber dann kommt der finale Motivationsschub: Wolgast und seine Werftanlagen tauchen auf, gekrönt vom Turm der St.-Petri-Kirche. Fast geschafft also, und von Wolgast an werde ich den Wind im Rücken haben. Und noch eine positive Überraschung taucht auf: Der Weg zwischen Hohendorf und Wolgast, vor vier Jahren noch eine eklige Tiefsandpiste entlang der Bahntrasse, wurde asphaltiert und darf sich nun zu Recht “Radweg” nennen. Viel schneller als gedacht komme ich also in Wolgast an, wo ich auf der imposanten Klappbrücke die Peene quere und mich nun wieder auf der Insel Usedom befinde. Hier muss ich an der Tankstelle am Wolgaster Ortsausgang, wo ich noch eine letzte Pause einlege, etwas Trauriges erfahren: Die Tankstellenkatze Stummel, die ich auf meiner Tour vor vier Jahren im Verkaufsraum schlummern sah, lebt leider nicht mehr. Die Verkäuferin in der Tankstelle hatte Pipi in den Augen, als sie es mir erzählte…

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Küstenradweg zwischen Zinnowitz und Zempin: Meter machen!

Noch ein wenig traurig starte ich zur letzte Etappe. In nordwestlicher Richtung – endlich Rückenwind! – jage über über Mölschow nach Trassenheide. Von hier an gehts entlang der Ostseeküste ins Seebad Zinnowitz. Das muss aus Sicht eines Fahrradfahrers leider als Katastrophe bezeichnet werden. Der Radverkehr muss sich immer und überall den Fußgängern (ergo Badeurlaubern) und dem Autoverkehr (an-/abreisenden Badeurlaubern) unterordnen. Radwege und Fahrradrouten-Beschilderung sind abseits des Ostseeküstenradwegs faktisch nicht vorhanden. Und selbst dieser Radfernweg – immerhin Teil der 8000 km langen Fernradroute EuroVelo 10 rund um die Ostsee – wird kurzerhand mit einem lapidaren “Radfahrer bitte absteigen” und unnötig eng gestellten Drängelgittern unterbrochen, weil der Platz gerade für einen Veranstaltungs-Pavillon benötigt wird. Schnauze, blöder Fahrradfahrer. Schieb halt. Man stelle sich mal vor, so würde man mit den Autofahrern auf der parallel verlaufenden Bundesstraße umgehen.
Wirtschaftlich ist das alles vermutlich nachzuvollziehen – mit dem Auto anreisende und durch den Ort flanierende Urlauber lassen in Größenordnungen Geld da, auf einem Fernradweg durchreisende Fahrradfahrer nicht. Frustrierend ists trotzdem. Und eine Alternativroute zwischen westlichem und östlichem Teil der Insel Usedom gibt es einfach nicht. (Abgesehen von der Bundesstraße, aber die ist für Radfahrer wirklich indiskutabel.)
Liebe Zinnowitzer, wenn ihr partout keine Fahrradfahrer im Ort haben wollt, dann baut doch bitte einfach einen Umgehungs-Radweg außenrum.


Ich für meinen Teil hetze dann noch durch den Wald zurück ins Quartier nach Zempin, wo ich bei einem kühlen Bier erst einmal meine Beine etwas zur Ruhe kommen lasse und das Erlebte sortiere. Ich sage es schon lange und bleibe dabei: Das wahre Usedom sieht man nicht an der Küste, denn die ist touristisch pervertiert. Nein, ins Hinterland muss man reisen, wenn man mehr erleben will als Badestrand und Promenaden-Poser. Meine diesmal gefahrene Route kann ich dafür (speziell mit ungefedertem Velo) aber nur sehr bedingt empfehlen, denn die Straßen und Wege sind in teils bedauernswertem Zustand. Andererseits erlebt man großartige Landschaften, Tiere und Begebenheiten, die einem auf den “guten” Wegen wohl entgehen würden.
Und: Diese Route niemals bei Westwind in Angriff nehmen! Von den hundert Kilometern bin ich geschätzt vierzig gegen den Wind gefahren – das raubt einem irgendwann nicht nur den Nerv, sondern auch den Blick für all das Schöne links und rechts des Weges.

Ruhrtalradweg von der Quelle (Winterberg) bis zur Mündung (Duisburg) in zwei Tagesetappen (250 km, als GPX herunterladen)

Tag 1: Von Winterberg nach Schwerte

Winterberg – Olsberg – Meschede – Arnsberg – Neheim – Wickede – Fröndenberg – Schwerte (129 km)

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Ruhrquelle in Winterberg

Ich hatte es schon lange vorbereitet und herbeigesehnt, doch nun geht es tatsächlich endlich los: Ich stehe an der Quelle der Ruhr in Winterberg und radele los in Richtung Duisburg, zur Mündung. Offiziell sind das exakt 240 Kilometer Strecke. Schon einige Male habe ich Teilstrecken absolviert, aber einmal den kompletten Ruhrtalradweg am Stück unter die Räder zu nehmen, das habe ich schon sehr lange auf dem Zettel.
Dirk und Christos wollen sich dieses Schmankerl auch nicht entgehen lassen und sind mit mir im ersten Regionalexpress des Tages nach Winterberg gereist. Übermäßig gut im Training stehen wir alle nicht, ich für meinen Teil würde mit dieser Tour meinen Jahreskilometerstand glatt verdoppeln. Aber vollkommen irre sind wir natürlich auch nicht, und so haben wir die Tour auf zwei Tage aufgeteilt. Zwischenziel und Nachtlager soll Schwerte sein, da werden wir knapp mehr als die Hälfte der Strecke schon hinter uns haben.

Nach kurzer Anfahrt vom Bahnhof Winterberg starten wir also an der Ruhrquelle. Immer wieder finde ich es schön zu sehen, wie auch der dickste Fluss erst einmal als Mini-Rinnsal unterm Stein vorsprudelt, und später werden wir staunen, wie schnell aus diesem kleinen Rinnsal ein Bach, ein Flüsschen, ein “echter” Fluss wird.

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Blick auf die Ruhr in Meschede

Die ersten Streckenkilometer sind äußerst kurzweilig, was unter anderem an der recht groben Wegoberfläche liegt, die viel Konzentration fordert. Vor allem aber ändern sich nach jeder Kurve die Ansichten des Ruhrtals. Die Ruhr sprudelt hier als Bächlein durch die malerischen Auen, umrahmt von Wäldern und Hängen. Und auch ohne tiefgehendes Ornithologenwissen ist mir klar, dass der Schwarzstorch, der sich direkt vor uns in die Lüfte erhebt, ganz sicher kein alltäglicher Anblick ist.
Ist die Ruhr hinter Olsberg gen Westen “abgebogen”, hat man den wildesten Teil der Route hinter sich. Die Abfahrten sind nun nicht mehr ganz so steil, und die Ruhr selbst ist kein munter plätscherndes Bächlein mehr, sondern ein entspannt dahinfließendes Flüsschen.
In Bestwig, nach etwa dreißig Kilometern Fahrt, legen wir eine spontane Frühstückspause ein. Um dann beim Weiterfahren festzustellen, dass der Parkplatz des örtlichen Discounters nicht eben der reizvollste Platz dafür war. Ein paarhundert Meter weiter wären wir wieder direkt an der Ruhr gewesen …
Kurz darauf halten wir für ein Foto auf einer Ruhrbrücke in Meschede, als uns eine vorbeikommende Fahrradfahrerin um Hilfe bittet: Sie hätte zu wenig Luft im Reifen, ob wir wohl eine Luftpumpe dabei hätten? Natürlich haben wir, und ich lasse es mir natürlich auch nicht nehmen, gleich selbst zu pumpen. Ein amüsanter Schwatz entsteht, und als ich fertig bin, schenkt sie uns zum Dank eine Tafel Schokolade. Wir können (und wollen!) uns nicht dagegen wehren und genießen schmatzend die unverhofft erlangte Leckerei. Mit ganfen Nüffen!

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Dellwig: Die Hälfte des Ruhrtalradwegs ist fast geschafft

Wer die Augen beim Radeln ein wenig schweifen lässt, kann am Ruhrtalradweg immer viel entdecken. Amüsant finden wir beispielsweise die ehemalige Yacht-Werft Dehler in Freienohl. Mal ganz abgesehen davon, dass hier jahrzehntelang abseits jeglicher schiffbarer Gewässer Segelyachten hergestellt wurden, ragt aus dem Gebäude ein Schiffsbug heraus. Dies ist offenbar eine Reminiszenz an einen Crashtest mit einer Dehler-Yacht, die sich dabei als überaus robust entpuppte.
In Oeventrop beweisen die Stadtwerke Arnsberg ein Herz für Radfahrer, indem sie einen Trinkwasserspender direkt am Radweg betreiben. Flasche rein, Knopf drücken, erfrischen: Eine großartige Idee, die ruhig auch in anderen Städten umgesetzt werden sollte!

Nach der Schleife, die Ruhr und Ruhrtalradweg um die Arnsberger Altstadt herum machen, treffen wir Axel. Der wohnt in der Gegend und möchte uns, wenn er schon nicht die ganze Strecke mitfahren kann, zumindest ein kleines Stück begleiten. Mit ihm fahren wir bis Neheim-Hüsten, wo wir direkt am Radweg ins R-Café einkehren. Das ist zwar “nur” Systemgastronomie und weder sonderlich urig noch recht preiswert, aber die servierten Burger mit Fritten schmecken ausgezeichnet. Zudem sind wir inzwischen etwas mehr als 80 Kilometer geradelt und hatten dabei außer dem kurzen Frühstück in Bestwig noch keine echte Pause, da tut das arg verspätete Mittagessen nun richtig gut. Und keine Frage, auch der Hintern freut sich nach mehr als vier Stunden im Sattel, endlich auch mal wieder “richtig” zu sitzen. Auch für die Drahtesel ist hier mit Luftpumpe und Pedelec-Ladestation übrigens gut gesorgt.

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Empfehlung: Diesen Schildern folgen!

Axel verlässt uns kurz vor Wickede und biegt in Richtung Heimat ab. Nun wird das Ruhrtal deutlich breiter, und bei der Fahrt durch hohe Getreidefelder sehen wir eine Zeit lang überhaupt nichts von der Ruhr. Dafür führt der Radweg ein Stück weit direkt an der Eisenbahntrasse der Sauerland-Linie entlang - hier sind wir heute morgen mit dem Zug gen Winterberg entlanggefahren.
Dann erreichen wir unser Tagesziel Schwerte. Wir übernachten im Alten Pfarrhaus Ergste, einer sehr familiären Unterkunft ein paar Pedalumdrehungen abseits des Ruhrtalradwegs. Die Preise sind mehr als fair, und in einem knuffigen roten Bauwagen schläft man auch nicht alle Tage. Es ist schön ruhig hier, und ein Edeka mit Bäcker sowie ein Grieche sind fußläufig schnell zu erreichen. Allerdings können wir das alles gar nicht so richtig genießen, nach knapp 130 Tageskilometern sind wir einfach nur platt und schlafen nach Essen und Duschen faktisch beim Hinlegen ein.

Tag 2: Von Schwerte nach Duisburg

Schwerte – Wetter – Witten – Bochum – Hattingen – Essen – Mülheim – Oberhausen – Duisburg (121 km)

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Eisenbahnviadukt Herdecke

Am nächsten Morgen gilt unsere größte Sorge zunächst unserer körperlichen Verfassung. Aber unsere schmerzenden Hintern haben sich wohl etwas regeneriert (oder einfach nur an den Schmerz gewöhnt), und so beginnen wir nach dem Frühstück und einem kurzen Plausch mit dem freundlichen Herbergsvater die zweite Etappe unserer Ruhr-Reise. Am Hengsteysee, schon nach wenigen Kilometern Fahrt, befinden wir uns dann auf wohlbekanntem Terrain – hier war ich schon desöfteren mit dem Rad. Spätestens in Wetter, wo meine Herdecke-Runde in den Ruhrtalradweg einmündet, kenne ich dann jeden Grashalm. Ein merkwürdiges Gefühl, hier nicht auf dem Heimweg, sondern auf der Durchreise zu sein!
An der Schleuse in Witten-Heven treffen wir dann auf eines meiner persönlichen Highlights am Ruhrtalradweg: In Sichtweite zur Burgruine Hardenstein setzt die Ruhrtal-Fähre Radler und Spaziergänger über die Ruhr. Der Spaß ist kostenlos, aber wer ein wenig Anstand hat, wirft etwas Klimpergeld in eine der Spendenboxen; diese Spenden tragen zu einem guten Teil zum Betrieb bei. Die kurze Zeit der Überfahrt nutze ich immer recht dankbar, um für einen Moment Körper und Geist abzuschalten. Fast schon schade, dass man so schnell schon wieder am anderen Ruhrufer ankommt. Dort wartet dann das Schleusenwärterhaus auf hungrige Gäste, und auch wir gönnen uns eine Pause mit Kaffee und Kuchen. Zweites Frühstück sozusagen!

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Ruhrtalfähre in Witten-Heven: Betrieben mit Spenden

Nachdem wir anschließend den Kemnader See passiert haben, folgen wir der Ruhr und ihren malerischen Windungen über Hattingen in Richtung Essen. Auf diesem Stück ist der Radweg bisweilen etwas schmal, aber wer hier mal abseits der Stoßzeiten vorbeikommt, kann herrliche Ruhe und viel Natur genießen. Nichts zu sehen von der Klischee-Ruhrpott-Hässlichkeit, stattdessen viel Grün und immer wieder Tiere, etwa Reiher oder Kormorane. Diesen Streckenabschnitt durfte ich auch schon einmal vom Wasser aus genießen, er ist so oder so wirklich sehenswert.
In Essen machen wir dann Mittagspause in der Bar Celona direkt am Radweg. Schon wieder ganz unromantisch eine schnöde Systemgastronomie, aber auch hier heiligt der Zweck die Mittel: Nach inzwischen schon wieder 65 Tageskilometern vermag nur ein Schnitzel mit Fritten den Akku wieder adäquat aufzuladen.

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Ruhrschleife nach Hattingen

Nach ausgiebiger Rast gehts weiter zum Baldeneysee. Wie an den anderen Ruhrseen ist es auch hier zu den Stoßzeiten recht voll, alle wollen natürlich raus und auf Skates, per Fahrrad oder zu Fuß das schöne Wetter genießen. Also schlängen wir uns durch und freuen uns, dass wir bald wieder auf weniger frequentierten Pfaden unterwegs sind.
Nach dem Kettwiger See unterqueren wir die imposante Ruhrtalbrücke, auf der sich die A52 über das Ruhrtal schwingt. Bei all der schönen Flusslandschaft untendrunter erinnert sie uns wieder daran, dass wir mitten in einer der größten europäischen Metropolregionen unterwegs sind. Kurz darauf, in Mülheim, ist man dann auch wieder mittendrin im urbanen Gewühl. Der Ruhrtalradweg wird hier mehr oder weniger kunstvoll über Brücken und Schleichwege durch Parks vom Rest der Stadt ferngehalten. Touristisch wertvoll ist das nicht, abgesehen davon, dass wir inzwischen ziemlich platt sind und die noch zu fahrenden Kilometer herunterzählen.

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Die Duisburger Karl-Lehr-Brücke kommt ursprünglich aus Köln.

Nachdem wir den Stadtrand von Oberhausen passiert haben, beginnt das ausgedehnte Gebiet des Duisburger Hafens. Wir radeln vorbei an Schleusen, Hafenmauern und Terminals. Hier treffen sich die Ruhr und der Rhein-Herne-Kanal im größten Binnenhafen der Welt. Das Ziel, die Mündung, ist schon fast zu sehen, da unterqueren wir die allerletzte Ruhr-Brücke. Sie hat eine besondere Geschichte, denn der Brückenbogen kommt aus Köln. Er war dort einst Teil der ikonischen Hohenzollernbrücke, auf der die Eisenbahn den Rhein zum Kölner Hauptbahnhof hin überquert. Nach der Zerstörung der Kölner Brücke im Krieg wurde einer der Bögen nach Duisburg gebracht, wo er seitdem die Ruhr überspannt. (Was man nicht alles bei der Sendung mit der Maus lernen kann!)

Dann kommt der Moment, auf den wir uns seit vielen Kilometern freuen: Vor uns taucht die Mündung der Ruhr in den Rhein auf, unübersehbar markiert durch die 25 Meter hohe, knallorange gefärbte Skulptur “Rheinorange”. Wir haben es geschafft!
Nach einer Pause wuseln wir dann noch in die Duisburger Innenstadt zum Hauptbahnhof, wo unserer Tour dann endgültig endet.

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Es gibt ihn tatsächlich: Radschnellweg RS1 in Mülheim

Auf dem Heimweg mit dem Regionalexpress springt mir dann in Mülheim noch ein unverschämt verlockend aussehender Streifen Asphalt direkt neben den Gleisen ins Auge, auf dem nur Radfahrer unterwegs sind. Topfeben, schnurgerade, keine Drängelgitter, Ampeln oder “Sicherheits”abschnitte aus Kopfsteinpflaster: Das muss er sein, der (zumindest bei mir in Bochum) sagen- und legendenumwobene Radschnellweg RS1! Der soll – irgendwann einmal – das gesamte Ruhrgebiet von West nach Ost durchqueren und dabei auf all die genannten Nickligkeiten verzichten, die einem das Radfahren so wunderbar vermiesen können. Eine A40 für Velos, sozusagen. Hiermit beneide ich all jene, die ihren Arbeitsweg schon auf dieser Herrlichkeit aus Asphalt abreißen können – und hoffe, dass uns diese Glückseligkeit auch in Bochum recht bald erreicht.

Fazit der Tour

Der Ruhrtalradweg ist für Hobby-Radler wie uns bestens geeignet. Er ist vorbildlich ausgeschildert und touristisch intensiv erschlossen, auf der Ruhrtalradweg-Website findet man umfangreiche Informationen zu Streckenverlauf, Unterkunftsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Letzterer gibt es viele, und um auch nur ein paar davon in Ruhe besichtigen zu können, muss man deutlich mehr als zwei Tagesetappen einplanen.
Entlang der Ruhr wechselt die Umgebung in teils harten Kontrasten zwischen idyllischer Natur, Stadtgewusel und abgewracktem Industriegebiet. Besonders der letzte Streckenabschnitt ab Mülheim ist nur selten als sehenswert zu bezeichnen. Aber genau mit dieser Ambivalenz repräsentiert der Ruhrtalradweg bestens das gesamte Ruhrgebiet: Längst nicht mehr “nur hässlich”, aber auch bei weitem noch nicht “nur schön”. Dass dieser Wandel aber stetig vorangetrieben wird, sieht man unter anderem an den optisch sehr ansprechenden renaturierten Teilstücken der Ruhr.
Mir hat die Route viel Spaß gemacht, auch wenn es untrainiert hintenraus natürlich schon ein wenig schlaucht. Im Großen und Ganzen ging es mir aber körperlich bis zum Ende recht gut, nur eine Sache plagte mich etwas. Christos schleuderte es am Ende der Tour auf Griechisch dem Rhein entgegen: “O kólos ponáei!” – der Arsch tut weh :)