Insel Usedom und Festland: Zempin – Koserow – Bansin – Katschow – Dargen – Stolpe – Karnin – Lentschow – Lassan – Wolgast – Trassenheide – Zinnowitz – Zempin (102 km, Route bei GPSies.com)

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Stubbenfelde: Blick auf die Ostsee in Richtung Osten, die Kräne gehören zum Swinemünder Hafen.

Es ist inzwischen schon wieder vier Jahre her, also wird es höchste Zeit: Eine Runde ums Achterwasser mit dem Rad! Mein Plan: Runter von der Insel Usedom, aber diesmal nicht entlang der Bundesstraße durch die Stadt Usedom, sondern “außenrum” über die Dörfer. Danach (gern weiter entlang des Achterwassers) gen Nordwest nach Wolgast, wo ich dann vom Festland zurück auf die Insel wechseln will.
Es beginnt auf bekannten Pfaden und recht unspektakulär, als ich entlang der Ostseeküste in Richtung Bansin starte. Dabei warten am Streckelsberg (Koserow) und dem Langen Berg (Bansin) einige Steigungen, unter anderem zwei knackige Sechzehnprozenter. Hat man die hinter sich, ist man aber zumindest schonmal warm.

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Bei Kachlin: Staubige, teilweise tiefsandige Feldwege.

In Bansin verlasse ich die Ostsee und biege nach Südwesten ab. Meinem Plan folgend, die großen Straßen möglichst zu meiden, durchfahre ich Mini-Ortschaften wie Reetzow, Labömitz und Katschow. Hier macht sich das erste Mal bemerkbar, was im späteren Tourenverlauf noch zu einem echten Problem werden soll: Die Straßen sind oft in miserablem Zustand. Innerorts wird man von grobem, wie soll ichs nennen, “Feldstein-Pflaster”?, durchgerüttelt. Außerorts sind die Straßen bisweilen asphaltiert, dann oft aber zigmal geflickt und damit auch recht rumpelig. Oder es gibt gar keine richtige Straße, sondern nur Feldwege – die aber durch die lange Trockenheit der letzten Monate über weite Strecken tüchtig staubig sind und immer wieder von tiefsandigen Passagen unterbrochen werden. Als wäre das alles nicht schon genug, kommt noch ein weiteres Handicap dazu: Von Südwest weht eine ordentliche – bisweilen böige – Brise, ich fahre also die ganze Zeit gegen einen ziemlich unangenehmen Gegenwind an.

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Vom Regen in die Traufe kurz vor Welzin: Abbiegen von einem sandigen Feldweg - auf einen rumpeligen.

Von Dargen an radle ich dann stets entlang des Stettiner Haffs. Ich genieße die Einsamkeit und Ruhe hier, es sind kaum Autos oder andere Radfahrer unterwegs. Ein großartiger Kontrast zum notorisch überfüllten Küstenstreifen entlang der Seebäder! Entsprechend ist hier im Hinterland auch deutlich mehr von der Natur zu sehen. Vor allem, weil ich nach Stolpe nicht auf der Straße bleibe, sondern auf den Haff-Deich abbiege. Leider ist der Weg hier aber auch wieder recht sandig und rumpelig, und so langsam frage ich mich, wieviel ungeplante Extra-Zeit mich das wohl in Summe kosten wird.

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Ostklüne: Die Fähre über die Kehle ist … ein Ruderboot! :)
(Mit freundlicher Genehmigung des Abgebildeten)

In Ostklüne wird es dann amüsant. Hier muss ich die Kehle queren, die den Usedomer See, ein Relikt der Eiszeit, mit dem Haff verbindet. In meiner Radweg-Karte ist hier eine Fährverbindung eingetragen. Leider sehe ich keine Fähre, nur ein paar kleine Boote. Also muss ich doch nochmal zurück, einmal um den Usedomer See und doch auf der ollen Bundesstraße weiterfahren? Da kommt ein Mann aus dem Haus und fragt mich freundlich, ob ich “rüber will”. Es ist tatsächlich der Fährmann, und seine Fähre ist … ein Ruderboot! :)
Wir müssen noch ein paar Minuten warten, denn der Wind drückt gerade Wellen aus dem Haff in die Kehle. Also halten wir noch einen kleinen Schnack, bevor es dann losgehen kann. Wir räumen das Fahrrad ins Boot und setzen über. Eine solch besondere Fährfahrt habe ich noch nie erlebt und muss noch Kilometer später darüber schmunzeln.

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Karnin: Eisenbahn-Hubbrücke.

In Karnin schaue ich mir dann die Reste der berühmten, im Krieg zerstörten Hubbrücke an. Über die führte einst zweigleisig eine Fernbahntrasse, auf der die Berliner in zweieinhalb Stunden auf die Insel Usedom kamen. Das Hubteil der Brücke steht noch und wäre, glaubt man dem Aktionsbündnis Karniner Brücke, für einen Wiederaufbau der Brücke bestens geeignet. Dann gäbe es nach etlichen Jahrzehnten endlich auch wieder eine Fernbahnverbindung auf die Insel Usedom, die den dort (vor allem zur Hauptsaison) herrschenden Verkehrskollaps mildern könnte. Per Eisenbahn ist Usedom bisher nur über Wolgast erreichbar – allerdings auch erst seit Ende der Neunziger, und nur mit den “kleinen” Triebwagenzügen der regional tätigen Usedomer Bäderbahn.
Für die Wiederinbetriebnahme der Karniner Trasse kämpfen die hiesigen Eisenbahnfreunde nun schon seit der Wende, mal sehen, ob diese Geduld sich am Ende auszahlt. So oder so bleibt die Karniner Hubbrücke bis dahin ein spannendes technisches Denkmal.

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Bei Johannishof: Seeadler im Horst.

Über Zecherin verlasse ich dann schließlich die Insel Usedom. Der Wind hat inzwischen von Südwest auf West gedreht, was das Fahren entlang der B 110 sehr anstrengend macht. Ich gönne mir eine kleine Pause, denn auf einem der toten Bäume im renaturierten (und deshalb gefluteten) Bereich neben der Bundesstraße wartet ein imposanter Seeadler-Jüngling im Horst darauf, dass seine Alten mit frischem Futter zurückkehren. Die Adler sind hier an der Ostsee gar nicht so selten, wie man meint; der Fährmann in Ostklüne hatte mir erzählt, dass er in seiner Umgebung drei Horste kenne und die stolzen Greifen regelmäßig sähe.
In Johannishof verlasse ich den Radweg längs der B 110 dann wieder und biege in den Wald ab. Direkt vor mir flüchten zwei Rehe ins Unterholz, und ein großer Greifvogel – ich kann leider nicht sagen, welcher Art – hebt mit kräftigen Flügelschlägen vor mir ab. Da ist sie wieder, die Ruhe und Naturnähe des Usedomer Hinterlandes, die man an der Küste schlicht nicht findet.

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Kurz vor Hohendorf: Wolgast in Sichtweite! Und ganz nebenbei: Fischreiher halbrechts auf der Wiese.

Über Pinnow und Lentschow erreiche ich Lassan, dessen schnuckeligen Hafen ich 2014 für eine Pause ansteuerte. Diesmal aber lasse ich ihn links (genauer gesagt rechts) liegen: Pflasterstraßen, Sandwege und der unablässige Gegenwind haben ihre Spuren hinterlassen, so langsam vergeht mir schlicht die Radel-Lust. Der Wind kommt immer noch steif von West, und da ich nun wieder in nordwestlicher Richtung unterwegs bin, habe ich wieder einmal gegen ihn anzukämpfen. Wie das nach inzwischen 70 gefahrenen Kilometern schlaucht! Aber dann kommt der finale Motivationsschub: Wolgast und seine Werftanlagen tauchen auf, gekrönt vom Turm der St.-Petri-Kirche. Fast geschafft also, und von Wolgast an werde ich den Wind im Rücken haben. Und noch eine positive Überraschung taucht auf: Der Weg zwischen Hohendorf und Wolgast, vor vier Jahren noch eine eklige Tiefsandpiste entlang der Bahntrasse, wurde asphaltiert und darf sich nun zu Recht “Radweg” nennen. Viel schneller als gedacht komme ich also in Wolgast an, wo ich auf der imposanten Klappbrücke die Peene quere und mich nun wieder auf der Insel Usedom befinde. Hier muss ich an der Tankstelle am Wolgaster Ortsausgang, wo ich noch eine letzte Pause einlege, etwas Trauriges erfahren: Die Tankstellenkatze Stummel, die ich auf meiner Tour vor vier Jahren im Verkaufsraum schlummern sah, lebt leider nicht mehr. Die Verkäuferin in der Tankstelle hatte Pipi in den Augen, als sie es mir erzählte…

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Küstenradweg zwischen Zinnowitz und Zempin: Meter machen!

Noch ein wenig traurig starte ich zur letzte Etappe. In nordwestlicher Richtung – endlich Rückenwind! – jage über über Mölschow nach Trassenheide. Von hier an gehts entlang der Ostseeküste ins Seebad Zinnowitz. Das muss aus Sicht eines Fahrradfahrers leider als Katastrophe bezeichnet werden. Der Radverkehr muss sich immer und überall den Fußgängern (ergo Badeurlaubern) und dem Autoverkehr (an-/abreisenden Badeurlaubern) unterordnen. Radwege und Fahrradrouten-Beschilderung sind abseits des Ostseeküstenradwegs faktisch nicht vorhanden. Und selbst dieser Radfernweg – immerhin Teil der 8000 km langen Fernradroute EuroVelo 10 rund um die Ostsee – wird kurzerhand mit einem lapidaren “Radfahrer bitte absteigen” und unnötig eng gestellten Drängelgittern unterbrochen, weil der Platz gerade für einen Veranstaltungs-Pavillon benötigt wird. Schnauze, blöder Fahrradfahrer. Schieb halt. Man stelle sich mal vor, so würde man mit den Autofahrern auf der parallel verlaufenden Bundesstraße umgehen.
Wirtschaftlich ist das alles vermutlich nachzuvollziehen – mit dem Auto anreisende und durch den Ort flanierende Urlauber lassen in Größenordnungen Geld da, auf einem Fernradweg durchreisende Fahrradfahrer nicht. Frustrierend ists trotzdem. Und eine Alternativroute zwischen westlichem und östlichem Teil der Insel Usedom gibt es einfach nicht. (Abgesehen von der Bundesstraße, aber die ist für Radfahrer wirklich indiskutabel.)
Liebe Zinnowitzer, wenn ihr partout keine Fahrradfahrer im Ort haben wollt, dann baut doch bitte einfach einen Umgehungs-Radweg außenrum.


Ich für meinen Teil hetze dann noch durch den Wald zurück ins Quartier nach Zempin, wo ich bei einem kühlen Bier erst einmal meine Beine etwas zur Ruhe kommen lasse und das Erlebte sortiere. Ich sage es schon lange und bleibe dabei: Das wahre Usedom sieht man nicht an der Küste, denn die ist touristisch pervertiert. Nein, ins Hinterland muss man reisen, wenn man mehr erleben will als Badestrand und Promenaden-Poser. Meine diesmal gefahrene Route kann ich dafür (speziell mit ungefedertem Velo) aber nur sehr bedingt empfehlen, denn die Straßen und Wege sind in teils bedauernswertem Zustand. Andererseits erlebt man großartige Landschaften, Tiere und Begebenheiten, die einem auf den “guten” Wegen wohl entgehen würden.
Und: Diese Route niemals bei Westwind in Angriff nehmen! Von den hundert Kilometern bin ich geschätzt vierzig gegen den Wind gefahren – das raubt einem irgendwann nicht nur den Nerv, sondern auch den Blick für all das Schöne links und rechts des Weges.