Bochum-Langendreer – Bochum-Innenstadt – Bochum-Langendreer (21 km, Route bei GPSies.com)

Ich habe gerade etwas Zeit, und das Wetter schreit geradezu nach Radeln – also sattele ich den Renner. Zwar ohne Ambitionen auf irgendwelche Geschwindigkeitsrekorde, aber dennoch ziemlich flott jage ich auf der Wittener Straße in die Bochumer Innenstadt. Autos sind recht wenige unterwegs, es ist halt Sonntag, aber so richtige Radelfreude will nicht aufkommen. Ich drehe eine Runde um den Innenstadt-Ring und schwimme dabei selbstbewusst im Verkehr mit, aber auch hier ist es für mich nicht mehr als bloßer Sport. Etwas pathetisch könnte man auch formulieren: Ich spüre nichts. Wo ist meine Radelfreude geblieben?
Damit es nicht allzu langweilig wird, nehme ich heimzu dann die Universitätsstraße, aber außer vielen nervigen roten Ampeln erlebe ich auch hier nichts. Zu allem Überfluss spinnt dann auch noch mein Schaltwerk herum und lupft immer wieder unaufgefordert die Kette vom Ritzel. Nee, so macht das alles irgendwie keinen Spaß. Also nur noch ganz mechanisch den restlichen Heimweg abspulen – dass am Ende ein Schnitt von 27,7 km/h auf dem Tacho steht, auch ganz ohne dass ichs drauf angelegt hätte, reißt dann auch nix mehr raus.
Das nächste Mal suche ich mir wieder eine schöne Landschaftsrunde heraus. Damit es auch mal wieder mehr gibt als eine emotionslose Trainingseinheit.

Ruhrtalradweg von der Quelle (Winterberg) bis zur Mündung (Duisburg) in zwei Tagesetappen (250 km, Route bei GPSies.com)

Tag 1: Von Winterberg nach Schwerte

Winterberg – Olsberg – Meschede – Arnsberg – Neheim – Wickede – Fröndenberg – Schwerte (129 km)

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Ruhrquelle in Winterberg

Ich hatte es schon lange vorbereitet und herbeigesehnt, doch nun geht es tatsächlich endlich los: Ich stehe an der Quelle der Ruhr in Winterberg und radele los in Richtung Duisburg, zur Mündung. Offiziell sind das exakt 240 Kilometer Strecke. Schon einige Male habe ich Teilstrecken absolviert, aber einmal den kompletten Ruhrtalradweg am Stück unter die Räder zu nehmen, das habe ich schon sehr lange auf dem Zettel.
Dirk und Christos wollen sich dieses Schmankerl auch nicht entgehen lassen und sind mit mir im ersten Regionalexpress des Tages nach Winterberg gereist. Übermäßig gut im Training stehen wir alle nicht, ich für meinen Teil würde mit dieser Tour meinen Jahreskilometerstand glatt verdoppeln. Aber vollkommen irre sind wir natürlich auch nicht, und so haben wir die Tour auf zwei Tage aufgeteilt. Zwischenziel und Nachtlager soll Schwerte sein, da werden wir knapp mehr als die Hälfte der Strecke schon hinter uns haben.

Nach kurzer Anfahrt vom Bahnhof Winterberg starten wir also an der Ruhrquelle. Immer wieder finde ich es schön zu sehen, wie auch der dickste Fluss erst einmal als Mini-Rinnsal unterm Stein vorsprudelt, und später werden wir staunen, wie schnell aus diesem kleinen Rinnsal ein Bach, ein Flüsschen, ein “echter” Fluss wird.

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Blick auf die Ruhr in Meschede

Die ersten Streckenkilometer sind äußerst kurzweilig, was unter anderem an der recht groben Wegoberfläche liegt, die viel Konzentration fordert. Vor allem aber ändern sich nach jeder Kurve die Ansichten des Ruhrtals. Die Ruhr sprudelt hier als Bächlein durch die malerischen Auen, umrahmt von Wäldern und Hängen. Und auch ohne tiefgehendes Ornithologenwissen ist mir klar, dass der Schwarzstorch, der sich direkt vor uns in die Lüfte erhebt, ganz sicher kein alltäglicher Anblick ist.
Ist die Ruhr hinter Olsberg gen Westen “abgebogen”, hat man den wildesten Teil der Route hinter sich. Die Abfahrten sind nun nicht mehr ganz so steil, und die Ruhr selbst ist kein munter plätscherndes Bächlein mehr, sondern ein entspannt dahinfließendes Flüsschen.
In Bestwig, nach etwa dreißig Kilometern Fahrt, legen wir eine spontane Frühstückspause ein. Um dann beim Weiterfahren festzustellen, dass der Parkplatz des örtlichen Discounters nicht eben der reizvollste Platz dafür war. Ein paarhundert Meter weiter wären wir wieder direkt an der Ruhr gewesen …
Kurz darauf halten wir für ein Foto auf einer Ruhrbrücke in Meschede, als uns eine vorbeikommende Fahrradfahrerin um Hilfe bittet: Sie hätte zu wenig Luft im Reifen, ob wir wohl eine Luftpumpe dabei hätten? Natürlich haben wir, und ich lasse es mir natürlich auch nicht nehmen, gleich selbst zu pumpen. Ein amüsanter Schwatz entsteht, und als ich fertig bin, schenkt sie uns zum Dank eine Tafel Schokolade. Wir können (und wollen!) uns nicht dagegen wehren und genießen schmatzend die unverhofft erlangte Leckerei. Mit ganfen Nüffen!

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Dellwig: Die Hälfte des Ruhrtalradwegs ist fast geschafft

Wer die Augen beim Radeln ein wenig schweifen lässt, kann am Ruhrtalradweg immer viel entdecken. Amüsant finden wir beispielsweise die ehemalige Yacht-Werft Dehler in Freienohl. Mal ganz abgesehen davon, dass hier jahrzehntelang abseits jeglicher schiffbarer Gewässer Segelyachten hergestellt wurden, ragt aus dem Gebäude ein Schiffsbug heraus. Dies ist offenbar eine Reminiszenz an einen Crashtest mit einer Dehler-Yacht, die sich dabei als überaus robust entpuppte.
In Oeventrop beweisen die Stadtwerke Arnsberg ein Herz für Radfahrer, indem sie einen Trinkwasserspender direkt am Radweg betreiben. Flasche rein, Knopf drücken, erfrischen: Eine großartige Idee, die ruhig auch in anderen Städten umgesetzt werden sollte!

Nach der Schleife, die Ruhr und Ruhrtalradweg um die Arnsberger Altstadt herum machen, treffen wir Axel. Der wohnt in der Gegend und möchte uns, wenn er schon nicht die ganze Strecke mitfahren kann, zumindest ein kleines Stück begleiten. Mit ihm fahren wir bis Neheim-Hüsten, wo wir direkt am Radweg ins R-Café einkehren. Das ist zwar “nur” Systemgastronomie und weder sonderlich urig noch recht preiswert, aber die servierten Burger mit Fritten schmecken ausgezeichnet. Zudem sind wir inzwischen etwas mehr als 80 Kilometer geradelt und hatten dabei außer dem kurzen Frühstück in Bestwig noch keine echte Pause, da tut das arg verspätete Mittagessen nun richtig gut. Und keine Frage, auch der Hintern freut sich nach mehr als vier Stunden im Sattel, endlich auch mal wieder “richtig” zu sitzen. Auch für die Drahtesel ist hier mit Luftpumpe und Pedelec-Ladestation übrigens gut gesorgt.

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Empfehlung: Diesen Schildern folgen!

Axel verlässt uns kurz vor Wickede und biegt in Richtung Heimat ab. Nun wird das Ruhrtal deutlich breiter, und bei der Fahrt durch hohe Getreidefelder sehen wir eine Zeit lang überhaupt nichts von der Ruhr. Dafür führt der Radweg ein Stück weit direkt an der Eisenbahntrasse der Sauerland-Linie entlang - hier sind wir heute morgen mit dem Zug gen Winterberg entlanggefahren.
Dann erreichen wir unser Tagesziel Schwerte. Wir übernachten im Alten Pfarrhaus Ergste, einer sehr familiären Unterkunft ein paar Pedalumdrehungen abseits des Ruhrtalradwegs. Die Preise sind mehr als fair, und in einem knuffigen roten Bauwagen schläft man auch nicht alle Tage. Es ist schön ruhig hier, und ein Edeka mit Bäcker sowie ein Grieche sind fußläufig schnell zu erreichen. Allerdings können wir das alles gar nicht so richtig genießen, nach knapp 130 Tageskilometern sind wir einfach nur platt und schlafen nach Essen und Duschen faktisch beim Hinlegen ein.

Tag 2: Von Schwerte nach Duisburg

Schwerte – Wetter – Witten – Bochum – Hattingen – Essen – Mülheim – Oberhausen – Duisburg (121 km)

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Eisenbahnviadukt Herdecke

Am nächsten Morgen gilt unsere größte Sorge zunächst unserer körperlichen Verfassung. Aber unsere schmerzenden Hintern haben sich wohl etwas regeneriert (oder einfach nur an den Schmerz gewöhnt), und so beginnen wir nach dem Frühstück und einem kurzen Plausch mit dem freundlichen Herbergsvater die zweite Etappe unserer Ruhr-Reise. Am Hengsteysee, schon nach wenigen Kilometern Fahrt, befinden wir uns dann auf wohlbekanntem Terrain – hier war ich schon desöfteren mit dem Rad. Spätestens in Wetter, wo meine Herdecke-Runde in den Ruhrtalradweg einmündet, kenne ich dann jeden Grashalm. Ein merkwürdiges Gefühl, hier nicht auf dem Heimweg, sondern auf der Durchreise zu sein!
An der Schleuse in Witten-Heven treffen wir dann auf eines meiner persönlichen Highlights am Ruhrtalradweg: In Sichtweite zur Burgruine Hardenstein setzt die Ruhrtal-Fähre Radler und Spaziergänger über die Ruhr. Der Spaß ist kostenlos, aber wer ein wenig Anstand hat, wirft etwas Klimpergeld in eine der Spendenboxen; diese Spenden tragen zu einem guten Teil zum Betrieb bei. Die kurze Zeit der Überfahrt nutze ich immer recht dankbar, um für einen Moment Körper und Geist abzuschalten. Fast schon schade, dass man so schnell schon wieder am anderen Ruhrufer ankommt. Dort wartet dann das Schleusenwärterhaus auf hungrige Gäste, und auch wir gönnen uns eine Pause mit Kaffee und Kuchen. Zweites Frühstück sozusagen!

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Ruhrtalfähre in Witten-Heven: Betrieben mit Spenden

Nachdem wir anschließend den Kemnader See passiert haben, folgen wir der Ruhr und ihren malerischen Windungen über Hattingen in Richtung Essen. Auf diesem Stück ist der Radweg bisweilen etwas schmal, aber wer hier mal abseits der Stoßzeiten vorbeikommt, kann herrliche Ruhe und viel Natur genießen. Nichts zu sehen von der Klischee-Ruhrpott-Hässlichkeit, stattdessen viel Grün und immer wieder Tiere, etwa Reiher oder Kormorane. Diesen Streckenabschnitt durfte ich auch schon einmal vom Wasser aus genießen, er ist so oder so wirklich sehenswert.
In Essen machen wir dann Mittagspause in der Bar Celona direkt am Radweg. Schon wieder ganz unromantisch eine schnöde Systemgastronomie, aber auch hier heiligt der Zweck die Mittel: Nach inzwischen schon wieder 65 Tageskilometern vermag nur ein Schnitzel mit Fritten den Akku wieder adäquat aufzuladen.

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Ruhrschleife nach Hattingen

Nach ausgiebiger Rast gehts weiter zum Baldeneysee. Wie an den anderen Ruhrseen ist es auch hier zu den Stoßzeiten recht voll, alle wollen natürlich raus und auf Skates, per Fahrrad oder zu Fuß das schöne Wetter genießen. Also schlängen wir uns durch und freuen uns, dass wir bald wieder auf weniger frequentierten Pfaden unterwegs sind.
Nach dem Kettwiger See unterqueren wir die imposante Ruhrtalbrücke, auf der sich die A52 über das Ruhrtal schwingt. Bei all der schönen Flusslandschaft untendrunter erinnert sie uns wieder daran, dass wir mitten in einer der größten europäischen Metropolregionen unterwegs sind. Kurz darauf, in Mülheim, ist man dann auch wieder mittendrin im urbanen Gewühl. Der Ruhrtalradweg wird hier mehr oder weniger kunstvoll über Brücken und Schleichwege durch Parks vom Rest der Stadt ferngehalten. Touristisch wertvoll ist das nicht, abgesehen davon, dass wir inzwischen ziemlich platt sind und die noch zu fahrenden Kilometer herunterzählen.

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Die Duisburger Karl-Lehr-Brücke kommt ursprünglich aus Köln.

Nachdem wir den Stadtrand von Oberhausen passiert haben, beginnt das ausgedehnte Gebiet des Duisburger Hafens. Wir radeln vorbei an Schleusen, Hafenmauern und Terminals. Hier treffen sich die Ruhr und der Rhein-Herne-Kanal im größten Binnenhafen der Welt. Das Ziel, die Mündung, ist schon fast zu sehen, da unterqueren wir die allerletzte Ruhr-Brücke. Sie hat eine besondere Geschichte, denn der Brückenbogen kommt aus Köln. Er war dort einst Teil der ikonischen Hohenzollernbrücke, auf der die Eisenbahn den Rhein zum Kölner Hauptbahnhof hin überquert. Nach der Zerstörung der Kölner Brücke im Krieg wurde einer der Bögen nach Duisburg gebracht, wo er seitdem die Ruhr überspannt. (Was man nicht alles bei der Sendung mit der Maus lernen kann!)

Dann kommt der Moment, auf den wir uns seit vielen Kilometern freuen: Vor uns taucht die Mündung der Ruhr in den Rhein auf, unübersehbar markiert durch die 25 Meter hohe, knallorange gefärbte Skulptur “Rheinorange”. Wir haben es geschafft!
Nach einer Pause wuseln dann noch in die Duisburger Innenstadt zum Hauptbahnhof, wo unserer Tour dann endgültig endet.

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Es gibt ihn tatsächlich: Radschnellweg RS1 in Mülheim

Auf dem Heimweg mit dem Regionalexpress springt mir dann in Mülheim noch ein unverschämt verlockend aussehender Streifen Asphalt direkt neben den Gleisen ins Auge, auf dem nur Radfahrer unterwegs sind. Topfeben, schnurgerade, keine Drängelgitter, Ampeln oder “Sicherheits”abschnitte aus Kopfsteinpflaster: Das muss er sein, der (zumindest bei mir in Bochum) sagen- und legendenumwobene Radschnellweg RS1! Der soll – irgendwann einmal – das gesamte Ruhrgebiet von West nach Ost durchqueren und dabei auf all die genannten Nickligkeiten verzichten, die einem das Radfahren so wunderbar vermiesen können. Eine A40 für Velos, sozusagen. Hiermit beneide ich all jene, die ihren Arbeitsweg schon auf dieser Herrlichkeit aus Asphalt abreißen können – und hoffe, dass uns diese Glückseligkeit auch in Bochum recht bald erreicht.

Fazit der Tour

Der Ruhrtalradweg ist für Hobby-Radler wie uns bestens geeignet. Er ist vorbildlich ausgeschildert und touristisch intensiv erschlossen, auf der Ruhrtalradweg-Website findet man umfangreiche Informationen zu Streckenverlauf, Unterkunftsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Letzterer gibt es viele, und um auch nur ein paar davon in Ruhe besichtigen zu können, muss man deutlich mehr als zwei Tagesetappen einplanen.
Entlang der Ruhr wechselt die Umgebung in teils harten Kontrasten zwischen idyllischer Natur, Stadtgewusel und abgewracktem Industriegebiet. Besonders der letzte Streckenabschnitt ab Mülheim ist nur selten als sehenswert zu bezeichnen. Aber genau mit dieser Ambivalenz repräsentiert der Ruhrtalradweg bestens das gesamte Ruhrgebiet: Längst nicht mehr “nur hässlich”, aber auch bei weitem noch nicht “nur schön”. Dass dieser Wandel aber stetig vorangetrieben wird, sieht man unter anderem an den optisch sehr ansprechenden renaturierten Teilstücken der Ruhr.
Mir hat die Route viel Spaß gemacht, auch wenn es untrainiert hintenraus natürlich schon ein wenig schlaucht. Im Großen und Ganzen ging es mir aber körperlich bis zum Ende recht gut, nur eine Sache plagte mich etwas. Christos schleuderte es am Ende der Tour auf Griechisch dem Rhein entgegen: “O kólos ponáei!” – der Arsch tut weh :)

Bochum-Langendreer – Umrundung Kemnader See – Schleuse Witten-Heven – BO-Langendreer (25km)

Das Wetter ist offenbar viel zu gut: Die Menschenmassen am Kemnader See machen Sport nahezu unmöglich. Na dann eben entspannt, so trifft man hier und da auch ein paar bekannte Gesichter und kann einen Plausch halten. Und der Kuchen an der Schleuse in Heven schmeckt gleich nochmal so gut, wenn man ihn mit aller Ruhe genießt!

Rheinischer Esel komplett: Bochum-Langendreer – Witten – Dortmund-Löttringhausen und retour (28km)

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Was man vom Rheinischen Esel sieht, wenn man sportlich unterwegs ist.

Okay, aber mal im Ernst: Nach 25 Kilometern auf dem Rad noch nichtmal richtig warm geworden? Nee, da geht noch was! Eigentlich würde ich ja gern den Rheinischen Esel fahren, am Hülsenberg abbiegen und auf den Schnee hochschnaufen, um dann durch Herdecke das Endertal hinab zur Ruhr zu schießen. Leider wäre das aber zeitlich arg knapp, also mach ichs ganz simpel: Einmal Rheinischer Esel, vom Anfang bis zum Ende und wieder zurück. Der Fokus liegt ganz auf dem Sport – keine navigatorischen Ansprüche, kein Rumärgern mit Ampeln oder Autos, einfach nur Pedalrundschlag, bis die Waden glühen. Und wie sie glühen! Am Ende steht ein 26er Schnitt auf dem Tacho, auf dem Rückweg kurz vor Langendreer knalle ich mit fast vierzig den Esel runter.
Großartiger Sport, zum Schluss bis fast in den Krampf, das musste einfach mal wieder sein.

Abends nochmal raus

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Tunnelblick unter der Autobahnbrücke

Bochum-Langendreer – Rheinischer Esel – Witten – Umrundung Kemnader See – BO-Langendreer (30km)

Nach dem Essen sollst du ruh’n – oder Pedalumdrehungen tun!
Diese Runde zum Kemnader See ist weder spektakulär noch sonderlich sportlich, es ist einfach nur ein etwas längerer Verdauungsspaziergang auf dem Rad. Das Wetter spielt allerbestens mit, auch die Beine haben vorm Zubettgehen nochmal richtig Lust. Vielleicht sollte ich, solange der Sommer noch so aktiv ist, öfter mal nach dem Abendessen aufs Rad steigen. Macht den Kopf frei – und die Waden fit für die noch anstehenden Großtaten dieses Jahr.

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Die Ruhr in Witten

Bochum-Langendreer – Bochum-Zentrum – Jahrhunderthalle – Erzbahntrasse bis zum Rhein-Herne-Kanal – Zeche Ewald – Halde Hoheward – auf selbem Weg retour (58km, Route bei GPSies.com)

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Erzbahnschwinge in Bochum: Hier beginnt die Erzbahntrasse.

Schon seit Wochen liege ich den Kollegen mit der geplanten Tour zur Halde Hoheward in den Ohren. Die Rahmenparameter sind gesetzt: Entspanntes Radeln, ausgiebige Fotopausen, und auch eine Kameradrohne soll zum Einsatz kommen. Zum Schluss sinds tatsächlich nur zwei, die dabei sind; alle anderen haben entweder kein Rad oder keine Zeit. Na gut, dann halt zu dritt :)
Wir treffen uns auf dem Gelände der Jahrhunderthalle an der Erzbahnschwinge. Diese geschwungene Brücke markiert den Beginn der Erzbahntrasse, auf der früher Eisenerz vom Rhein-Herne-Kanal zu den Hochöfen des Bochumer Vereins transportiert wurde. Inzwischen ist diese ehemalige Eisenbahntrasse längst ein Radweg, der kreuzungs- und faktisch steigungsfrei die Bochumer Innenstadt mit dem Rhein-Herne-Kanal verbindet. Und das auf recht spektakuläre Art und Weise, radelt man doch hoch oben auf dem ehemaligen Bahndamm über der Landschaft und überquert dabei diverse beeindruckende Brückenkonstruktionen. Nicht zuletzt dank der zahlreichen Informationstafeln am Wegesrand lässt sich hier für Zugereiste wie mich erahnen, wie das Ruhrgebiet früher tickte – und welch radikalen Wandel es mit dem Niedergang der Schwerindustrie gemeistert hat.

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In kühnem Schwung spannt sich die Grimberger Sichel über den Rhein-Herne-Kanal.


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Die Emscher bei Gelsenkirchen

Die Erzbahntrasse ist bis kurz vorm Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen topfeben asphaltiert. Hier könnte man also auch nach Herzenslust sportlich hetzen, und tatsächlich zieht so manches Rennrad schnurrend an uns vorbei. Wir aber sind heute nicht des Sportes wegen unterwegs, sondern wollen in Ruhe schwatzen, die Landschaft betrachten und den sonnigen Tag genießen. Für die Rennrad-Hatz werde ich sicher auch irgendwann noch einmal wiederkommen.
Die letzten paarhundert Meter der Erzbahntrasse bis zum Rhein-Herne-Kanal bestehen dann aus wassergebundener Decke – bei trockenem Sommerwetter eine durchaus staubige Angelegenheit. Den Kanal überqueren wir auf der sehenswerten “Grimberger Sichel”, einer halbkreisförmigen Fuß- und Radweg-Brücke, die mit dicken Stahlseilen an einem einzelnen Pylon hängt. Hier endet der Erzbahn-Radweg also, wie er an der Erzbahnschwinge begonnen hat: Mit einer spektakulären Brückenkonstruktion.
Parallel zum Rhein-Herne-Kanal, nur ein paar Meter weiter nördlich, fließt die Emscher. Was vor langer Zeit mal ein Fluss war, wurde im Zuge der Industrialisierung zum Abwasserkanal degradiert. An vielen Stellen schon renaturiert, ist die Emscher hier in Gelsenkirchen aber noch immer nichts anderes. Wer weiß, wann das hier auch mal wieder als “Fluss” zu bezeichnen ist …

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Panoramablick von oben über Zeche Ewald und die Halde Hoheward.


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Kleine Spielerei mit der Kameradrohne: Planet Ewald :)

Wir biegen nach Norden ab und fahren an der Halde Hoppenbruch vorbei zur Zeche Ewald. Sie steht am Fuß der Halde Hoheward, das ist unser Reiseziel. Bevor wir aber den Anstieg in Angriff nehmen, geben wir uns erst einmal ausgiebig dem Spieltrieb hin und erkunden das Zechengelände mit der extra dafür mitgebrachten Kameradrohne von oben. Dieser Perspektivwechsel erlaubt spektakuläre Aufnahmen – und ganz nebenbei noch einen ganz anderen Blick auf die schiere Größe der früheren Bergbau- und Industrieanlagen des Ruhrpotts.
Nachdem wir uns an den tollen Bildern sattgesehen haben, packen wir den Technikkram zusammen und treten wieder in die Pedale. Der Weg auf die Halde Hoheward hinauf ist zwar steil, aber dafür haben wir die etwa neunzig Höhenmeter auch flott hinter uns. Steht man dann oben auf dem Halden-Plateau und schaut gen Süden, breitet sich das gesamte Ruhrgebiet in seiner Ost-West-Ausdehnung vor einem aus: Dortmunds Fernsehturm “Florian”, die Hochhäuser der Bochumer Innenstadt, die City und der Fernsehturm von Essen, die Schalke-Arena in Gelsenkirchen – bei gutem Wetter wie heute kann man im Südwesten sogar den Düsseldorfer Rheinturm sehen, und der ist immerhin gut fünfzig Kilometer entfernt. Für diesen äußerst beeindruckenden Anblick sind wir hergekommen, und so packen wir erneut das Kamera-Equipment aus. Auch die Drohne darf bei ziemlich böigem Wind noch einmal zeigen, was sie kann. Hat man hier oben gestanden, ist man dem Geheimnis des Ruhrgebiets vielleicht ein Stück näher gekommen – wie gern hätte ich all diese interessanten Aus- und Einblicke einmal zu der Zeit gehabt, in der der Pott noch Stahl und Kohle atmete.


Soundtrack: In Another World (ID 949) - Lobo Loco - www.musikbrause.de - Creative Commons License (by-nc-nd 4.0) mit freundlicher Genehmigung zur Verwendung in diesem Video. Video: CC-by-nc-nd.

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40km Luftlinie von Halde Hoheward: Der Großbrand in Bönen

Ganz im Osten sehen wir dann noch, wie eine dunkle Rauchwolke vom Boden aufsteigt und sich weiträumig in den höheren Luftschichten verteilt, und fragen uns, was da wohl so heftig brennen mag. Später werden wir herausfinden, dass ein Entsorgungsbetrieb in Bönen in Flammen stand – auch das sind mal eben über vierzig Kilometer Luftlinie von unserem Standpunkt aus.
Dann haben wir uns irgendwann sattgesehen, aber leider noch nicht sattgegessen. Und da auch die Akkus der Drohne inzwischen leergespielt sind, beschließen wir, wieder hinunter zur Zeche Ewald zu fahren und dort im Biergarten mit Speis und Trank aufzutanken. Die Schussfahrt hinab übertreibe ich dann nicht. Einmal kurz über die Sechzig, dann bremse ich sanft ab. Kann es sein, dass ich meinen Bremsen nicht mehr ganz traue…?
Gut gesättigt und bester Laune ob des bisher Erlebten nehmen wir dann den Heimweg unter die Räder. Dabei bleiben wir auf der Hinweg-Route: Emscher, Rhein-Herne-Kanal, und dann die Erzbahntrasse bis zur Jahrhunderthalle in Bochum. Dort trennen wir uns – nach der gefahrenen Strecke recht kaputt, aber sehr zufrieden – und ich radle allein zurück nachhause.